Klaus Gebler schrieb:
verfasst am Samstag, den 11.11.2017 um 09:42 Uhr
 

"Früher war mehr Lametta" jammern die einen über das Stück Onkel Wanja, "ein großer Theaterabend" befinden die anderen (siehe Rezensionen).

Warum ist das Stück für jung und alt gleichermaßen (im Wortsinne!) sehenswert? Weil es so überdurchschnittlich viel zu sehen und auch zu hören gibt. Weil man eine vor Spielfreude sprühende Schauspielertruppe erlebt, die nicht ihre Texte herunterhaspelt, sondern sie zuweilen aus der Situation heraus interpretieren und erfinden darf. Weil hier Regisseur, Schauspieler und Publikum gemeinsam einen Abend gestalten, der Vergnügen und Erkenntnis möglich macht.
Nach einem schönen Theaterabend wird auch noch die Möglichkeit eines gemeinsamen Ausklanges in zwangloser Runde angeboten: Fünf Schauspieler und der Dramaturg plaudern mit dem Publikum im Foyer bei einem Glas Wein über den Abend. Und bei aller Unterschiedlichkeit der Sichtweisen wurde klar: Am Konzept hatte kaum einer zu meckern. Weil bei aller Ernsthaftigkeit des Stoffes der erhobene Zeigefinger fehlte und die scheinbar so lockere Darbietung mit ihrer Fülle von Komik (bis hin zum Slapstick) gerade die nicht sehr rosige Lebenswirklichkeit der Figuren offenlegte. Ich habe während der Vorstellung die Minen älterer und jüngerer Zuschauer beobachtet: Onkel Wanja halte ich für geeignet, auch den Altersdurchschnitt des Publikums weiter zu erhöhen.

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Dr. Joachim Saretz schrieb:
verfasst am Mittwoch, den 08.11.2017 um 09:34 Uhr
 

Sehr geehrter Herr Seidel,
vielen Dank für ihre Antwort auf meinen Beitrag - sowohl im Theaterforum wie auch an mich privat. Ich halte die Antwort hier im öffentlichen Theaterforum schon für richtig, soll sie doch auch Anregung zum Nachdenken für andere Besucher sein.
Der Premierenabend war schon eine Herausforderung für mich. Immerhin habe ich, im Gegensatz zu einer Reihe anderer Zuschauer, bis zum Schluss durchgehalten, mit dem Ergebnis der „Glosse“(*) wie Sie es nennen.
Das es nicht zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Dargebotenem reichte, lag vor allem an zwei Gründen. Zum Einen waren mir, wie geschätzt auch der Hälfte des Publikums, doch rein optisch umfassendere Einblicke in die Inszenierung durch eine nun nicht gerade publikumsfreundlichen Bühnenbildlösung verwehrt. Zum Anderen konnte durch die mangelhafte akustische Darbietung kaum ein Bezug zu inhaltlichen Problemen hergestellt werden, die ja die Grundlage einer Auseinandersetzung gewesen wären.
Beide Probleme kann man nicht den Schauspielakteuren anlasten, die sich, wie in der „Glosse“ ausgeführt, redlich Mühe gegeben haben, wenigstens keine Langeweile aufkommen zu lassen.
Und mit dem Regieteam über handwerkliche Grundlagen zu diskutieren, die eigentlich in den Erstsemestern eines Studiums abgeklärt sein sollten, halte ich nicht für sinnvoll.
Bezüglich Ihres Angebotes für einen „2. Versuch“ bin ich daher zur Zeit wenig motiviert. Unabhängig davon gedenke ich auch weiterhin dem Theater meine Treue zu halten. Und wir sind ja erst am Beginn der „neuen Schauspielära“, wo wir sehen werden, wie sie sich entwickelt und was sie uns noch zu bieten hat. Und dann wird es vielleicht auch Inszenierungen geben, die zur inhaltlichen Auseinandersetzung anregen. In diesem Sinne: … Gutes Gelingen für Zukünftiges!
(*)„Die Glosse ist die kürzeste und daher die schwerste journalistische Stilform.“ (Emil Dovifat)
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Joachim Saretz

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Dr. Joachim Saretz schrieb:
verfasst am Sonntag, den 05.11.2017 um 15:40 Uhr
 

Und zum Schluss hilft nur ein Wodka …

Am Sonnabend nun die mit Spannung erwartete Premiere des neuen Schauspieldirektors im Großen Haus – „Onkel Wanja“. Der Besucher wurde von einem opulenten Bühnenbild überrascht, welches doch eher an ein Fernsehstudio als an eine Theaterbühne erinnerte. Die Hoffnung, dass die mit einer Flügeltür und diversen Durchbrüchen versehene massive Wand als Bühnenvorhang dann mal in den Schnürboden gezogen würde, verflüchtete sich schnell. Ein Kommentator erklärte die Bedeutung der Wand. Also davor das ist „draußen“ und dahinter, das ist „drinnen“. Soweit erst mal klar. „Draußen“ regnete es dann auch mal und „drinnen“ schneite es, wieso eigentlich???
Offen blieb, was war da, wo die Ziegen waren. War das nun noch „drinnen“ oder doch noch weiter dahinter, also wieder „draußen“. Sei’s drum, von meinem Platz aus konnte ich dank der massiven Wand die Ziegen ohnehin nicht sehen und auch das Angebot , meinen Platz zu wechseln, brachte nichts!
Nachdem die Örtlichkeiten dermaßen geklärt waren, begann das eigentliche Schauspiel. Stimmen erklangen - hinter der Wand erst zögerlich, dann auch vor der Wand - verstärkt (vor allem auch digital, wir leben ja im modernen Zeitalter). In einem etwas undefinierbaren Pseudo-Russisch-Dialekt sprach Jeder mit Jedem oder auch mit sich Selbst, aber meist alle gleichzeitig. Das Ganze unterlegt mit ansprechender Pianomusik oder undefinierbaren elektronischen Klängen. Dies hatte den Vorteil, dass man sich als Zuschauer über den Text keine Gedanken machen musste. Er war wohl unbedeutend, so dass die Unverständlichkeit nicht weiter ins Gewicht fiel. Zumindest gab es schöne pantomimisch angelegte Einlagen durch die Schauspieler/-innen, die sich redlich Mühe gaben, keine Langeweile aufkommen zu lassen.
So ging es zwei Stunden weiter, erfreulicherweise mit einer Erholungspause für alle. Als Höhepunkt dann der Scheintod des Professors – untermalt durch Beethovens Mondscheinsonate.
Das Finale immer so weiter und so weiter und so …..
Ja, und dann waren da natürlich noch die Ziegen, also richtig in echt und so, nicht als Pappbühnendeko. Zumindest waren sie gut erzogen. Haben sich nicht mit meckernden Kommentaren in das Bühnengeschehen eingemischt. Vielleicht waren sie aber auch nur sprachlos, angesichts dessen, was sich da vor ihnen, also „drinnen“ und davor „draußen“ so abspielte.
Das war‘s nun mit der neuen Schauspielära, …. war‘s das??



Sehr geehrter Herr Dr. Saretz,
vielen Dank für Ihren Beitrag, dem ich entnehme, dass der Premierenabend für Sie leider keine Herausforderung zur Auseinandersetzung war. Es reichte nur für eine Glosse ...

Vielleicht stoßen Sie mit der ja genau das an, wozu Sie selbst keinen Anlass sehen: eine Debatte! Gern auch über die verwendeten künstlerischen Mittel! Wir werden diese Debatte ab 10.11. vor und nach jeder Vorstellung führen. Der Dramaturg Jan Kauenhowen, so oft wie möglich auch der Regisseur Jo Fabian und in jedem Fall die Schauspielerinnen und Schauspieler der Aufführung suchen das Gespräch mit dem Publikum. Das gehört zur "neuen Schauspielära". Ich würde mich freuen, wenn Sie dazu doch noch Lust und Zeit fänden - z.B. zum "Theatertag" am 10.11., gern aber auch bei jeder anderen Aufführung. Seien Sie unser Gast: in der Vorstellung und im Gespräch.

Mit freundlichen Grüßen
Bernd Seidel
Leiter PR/Marketing

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