Frank Marowjak schrieb:
verfasst am Sonntag, den 17.10.2010 um 16:47 Uhr
 

Wir möchten danke sagen für den gestrigen Abend (Egmont am 16.10.2010 – Anm. d. Adm.). Eine sehr schöne Ensembleleistung, bei der uns besonders Amadeus Gollner, Kai Börner, Kathrin Panzer und Roland Schroll gefallen haben. Ein Abend voller aktueller Bezüge, ohne das Goethe „auf den Kopf gehauen“ worden ist. Danke! Danke auch für die Gelegenheit, danach noch Regisseur Bernd Mottl und einigen der Darsteller begegnen zu können. Im Gespräch mit ihnen hat sich für uns vieles noch besser geklärt. Vor allem den Hinweis auf Stuttgart 21, den ein älterer Herr gleich anfangs in die Diskussion einwarf, finden wir sehr treffend. Wer ist der Souverän – die Auseinandersetzung zwischen Alba und Egmont, so wie sie von den beiden Schauspielern ausgetragen worden ist, stellt diese Frage sehr eindringlich für unsere Zeit. Egmonts Argumente sollten allen, die das Sagen zu haben glauben, als Pflichtlektüre vor Kabinetts- und Parlamentssitzungen verordnet werden.
Frank und Elfriede Marowjak, Berlin

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Bert schrieb:
verfasst am Sonntag, den 17.10.2010 um 20:55 Uhr
 

Dem Dank schließe ich mich gern an. Die Lobhymne auf die aktuellen Bezügen scheint mir hingegen unangebracht. Zum Beispiel der erste Auftritt von Egmont: Für mich ist die Dandy- und Playboy-Nummer, die er da hinlegen muss, eine einzige Peinlichkeit. Man ahnt die Absicht und ist verstimmt. Völlig unglaubhaft wird dadurch (und kann im Weiteren für mich auch nicht glaubhafter gemacht werden) die Achtung, die Egmont im Volk genießt. Wenn es die aber nicht gibt, wenn die Bürger von Anfang an nur heucheln, sich selbst und ihren Führern nur etwas vorspielen oder wenn die Regie gerade das zeigen will, weil sie der Meinung ist, dass es glaubhafte charismatische Politiker ebensowenig gibt wie Bürger, die diese Politiker und ihre eigenen Überzeugungen verteidigen, dann braucht man nicht gerade „Egmont“ auf die Bühne zu bringen. – Insofern ist dieser „Egmont“ für mich eher ein Beitrag gegen alles, was sich zur Zeit in Stuttgart ereignet oder sich vor 20 Jahren in Ostdeutschland ereignete, Ausdruck eines intellektualistischen Skeptizismus, der dem Bürger, nur weil der ab und an schlafen muss, gleich das Rückrat herausoperiert. Bert

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Frank Petzold schrieb:
verfasst am Sonntag, den 17.10.2010 um 21:00 Uhr
 

Sehe ich genau so. Statt genau ausgeloteter Beziehungen zwischen denen da oben und denen da unten nur spaßige Typen auf beiden Seiten. Dabei können die Schauspieler viel mehr. Wie die junge Schauspielerin, deren Namen ich nicht weiß, und Herr Schroll (den ich mit meinen Schülern in LEHRER SOLLTEN NACKT NICHT TANZEN erlebt habe) das Paar Klärchen und Brackenburg spielten, das war überraschend und glaubwürdig und unter die Haut gehend. Für Momente leuchtete da große Schauspielkunst auf … - um gleich wieder durch ärgerliche, platte, oberflächliche Typisierungen erschlagen zu werden. Eine besonders verhängnisvolle Rolle spielten in dieser Hinsicht Maske und Kostüm.
Frank P.

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Franziska Fischer schrieb:
verfasst am Montag, den 18.10.2010 um 21:28 Uhr
 

Ich will auf die Meinung der Familie Marowjak Bezug nehmen. Ich war am Samstag ebenfalls zum Inszenierungsgespräch geblieben (bei dem eine Dame Herrn Gollner Blumen schenkte – ein Hoch auf die Cottbuser und ihre Theaterleidenschaft!). „Die aktuellen Bezüge“, die der eine oder andere in der Inszenierung in Anspielungen auf Politiker und Volk gefunden zu haben glaubte, lagen für mich in erster Linie auf einer psychologischen Ebene. Wie Regie und Schauspieler das Verhältnis der Protagonisten entwickelten, hat mich zunächst sehr überrascht, dann aber völlig überzeugt. Frau und Herr Marowjak haben völlig recht: Die Szene zwischen Alba und Egmont gehört zu den Sternstunden dieser guten Inszenierung. Wie die beiden Ritter sich im ersten Augenblick begegneten, das glich der Begegnung zweier alter Schulfreunde. Zuerst verhalten und unsicher, wie der andere nach der langen Zeit der Trennung reagieren werde, flüchteten beide dankbar in eine rückhaltlose Umarmung und einen großen Gefühlsüberschwang - ganz so, als wollten sie die „alten Zeiten“ der Kindheit und Jugend noch einmal heraufbeschwören (die „alten Zeiten“, von denen wir doch durch die beiden, das Spiel begleitenden Knaben längst wußten, dass sie keine "goldenen Zeiten" waren). Wie der eine, Alba, aus diesem Überschwang mehr und mehr ausstieg, was der andere, Egmont, gar nicht bemerkte; wie jener sich vorbereitete auf den Todesstoß und dieser sich bis zuletzt in Sicherheit wiegte, noch immer im Glauben, ein Gleicher neben einem Gleichen zu sein, da er doch längst als Todgeweihter neben seinem Henker stand … - das alles stimmte in einem solchen Maße in Gestus, Sprachrhythmus und Arrangement, dass ich völlig vergaß, dass das alles in eine alte Geschichte gehört, in eine sehr alte Geschichte. Mir schien es ganz und gar von heute zu sein. So sind wir, oder?
Franziska Fischer

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