Verlauf:

Sophia Lungwitz schrieb:

Liebe Frau Noatsch,
haben Sie vielen Dank für Ihre anregenden Gedanken zu unserer Inszenierung "Alle meine Söhne". Schön, dass auch Sie bei dem Publikumsgespräch nach der zweiten Vorstellung dabei waren und uns die Worte von Khalil Gibram nun auf diesem Weg zukommen lassen. Sie sind wunderschön - schade, dass Sie sie nicht bei dem Gespräch eingebracht haben, denn genau dazu dienen Nachgespräche: Wir wollen Ihre Meinung zu unserer Arbeit hören, was Sie bewegt, was Ihnen gefallen, was Ihnen gefehlt hat. Ich hatte bei der Diskussion am vergangenen Sonnabend den Eindruck, dass auch von Seiten des Publikums her es als eindeutig, evident und für die Figur lebensnotwendig empfunden wurde, dass Sohn Chris aus diesem moralischen Gefängnis seines Vaters ("Ich hab das alles nur für dich getan") ausbrechen will und muss, dass dies nicht noch mal explizit ausgesprochen werden musste. Würde Chris seinen Vater nicht lieben, hätte er keinen Grund, so maßlos enttäuscht und entsetzt über sein Handeln zu sein - die heftige Reaktion des Sohnes bestimmt das Ende des Stückes und der Inszenierung ja maßgeblich und jeder Zuschauer erlebt dies mit. Die unsäglichen Worte des Vaters sprechen für sich - so war mein Eindruck. Gestern Abend war Regisseur Harry Fuhrmann beim "Theatertreff" in der Kammerbühne zu Gast - auch dort gab es erneut eine angeregte Diskussion zu dem Stück und zu Harry Fuhrmanns Theaterarbeit. Waren Sie dabei?
Arthur Miller hat in "Alle meine Söhne" einen familiären Konflikt auf den Punkt gebracht, der wahrscheinlich jeden von uns betrifft, da wir alle eine Familie haben - archaische Konflikte, da sie soziale Rollen von uns betreffen, die mit unserer Geburt gleich "mitgeliefert" wurden: Wir alle sind Söhne und Töchter - unser Leben lang.
Beste Grüße aus der Dramaturgie,
Sophia Lungwitz

Ulrike Noatsch schrieb:

Ich mag diese tiefgründigen Produktionen, die uns die Augen öffnen, uns zum Nachdenken anregen. Es war wieder hervorragend gespielt worden. Es passte alles, auch das auseinanderbröckelnde Bühnenbild. Täglich wird uns unter anderem über die Medien eine heile schöne, intakte Welt vorgegaukelt. Volkstümliche Musik, die vor "Schmalz" nur so tropft.
Eine Frage wurde bei dem Gespräch im Kuppelfoyer nicht beantwortet, die Meinung zur Äußerung des Vaters "Das habe ich alles nur für dich (Sohn) getan." Dem kann ich mich nicht anschließen. Die Kinder haben ihre eigenen Vorstellungen von ihrem zukünftigen Leben. Ich habe Ähnliches persönlich zu hören bekömmen. Der Vater erwartet dann Dankbarkeit des Kindes, die meistens nicht kommt. Damit entsteht der nächste Konflikt.
Sehr passend finde ich dazu die Worte von Khalil Gibram: "Deine Kinder sind nicht deine Kinder, sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst ... sie haben ihre eigenen Gedanken ... Du bist der Bogen, von dem deine Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden."
Diesen komplette Ausspruch, nett gestaltet, schenkte uns unsere Tochter. Seit dem hängt er in unserem Schlafzimmer.
Wir freuen uns schon auf den nächsten Theaterbesuch.
Ich wünsche dem gesamten Ensemble weiterhin viel Erfolg.

Viele Grüße
Ulrike Noatsch