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Peter Buske schrieb:

Finale in Jubelekstase

Max-Reger-Hommage zum dritten „Vocalise“-Konzert mit dem Philharmonischen Orchester Cottbus und dem Oratorienchor Potsdam

Was immer er auch komponierte, ob die im einfachen Stil geschriebenen „Schlichten Weisen“ oder die hoch komplexe Deutung des „100. Psalms“, stets war ihm dabei höchster künstlerischer Anspruch wichtig. Und auch in Stücken für Orchester hielt es Max Reger ähnlich. Beispielsweise in seinen „Variationen und Fuge über ein Thema von Mozart“ op. 132, die wegen ihrer Fasslichkeit auch zum meistgespielten Orchesterwerk avancierten. Beide Werke standen, getreu des Mottos „vom Einfacheren zum Schwereren“, am Beginn des 3. „Vocalise“-Konzerts am Sonnabend (181.11.2012 - die Red.) in der Friedenskirche, das sich ausschließlich dem ausdrucksgewaltigen Spätromantiker widmet.

Für die instrumentalen Aufgaben steht das Philharmonische Orchester Cottbus bereit, das sich unter seinem Chefdirigenten Evan Christ voller Eifer den „Mozart-Variationen“ widmet. Bei der geradezu exemplarischen Wiedergabe des „100. Psalms“ läuft es unter Kirchenmusikdirektor Matthias Jacob zur Hochform auf. Das einprägsame Thema der „Mozart-Variationen“ entstammt des Meisters A-Dur-Klaviersonate KV 331 und wird von Reger zunächst in seiner originalen schlichten Harmonie belassen. Holzbläser mit herrlich angestimmtem Oboen-Solo und Streicher wechseln einander ab, bevor das volle Orchester alle Stimmen vereint. Einfach und klar, leicht und graziös klingen die fast unmerklichen Modifikationen: ein kapriziöser Schleifer der Violinen hier, ein beschleunigtes Tempo dort, dann die Umkehrung des Themas oder hüpfende Kontrapunkte. All das wird farbenreich und mit instrumentalem Feinschliff musiziert, dynamisch glaubhaft differenziert und zunehmend dramatisch eingefärbt.

AnzeigeIrgendwann hat sich das Thema bis zur Unkenntlichkeit verwandelt, findet allmählich seine Annäherung an den Urzustand, der in der finalen Doppelfuge schließlich erreicht ist. Die temperamentvolle Körpersprache des Dirigenten lässt die Musiker die sinfonische Großklanggeste genauso souverän beherrschen wie das kammermusikalisch Filigrane. Stabwechsel an den Reger-Spezialisten Matthias Jacob, der die „Jauchzet“-Euphorie zu Beginn der „100. Psalm“-Vertonung mit mächtigem Orgelbrausen, Kontrabass- und Paukenattacken einleitet, ehe der Oratorienchor nicht weniger gewaltig einsetzt. Ein zweites, nunmehr zartes Thema („Dienet dem Herrn mit Freuden“) wird von ihm weich und kantabel, beschaulich bis freudig erregt angestimmt. Dann begeben sich die Choristen auf eine steile, stetig anwachsende Steigerungsstrecke, die sie in Fortefortissimobereiche führt. Wenn es dort nur noch tönend bewegte Masse gibt, strapaziert das die Ohren der Zuhörer, jedoch nicht die Kehlen der bestens geschulten Sängerinnen und Sänger.

Ermüdungsfrei meistern sie die chromatischen Wendungen und furiosen dynamischen Wechsel auf vorzüglichste Weise: innig, durchschlagskräftig, sehr beweglich im geschmeidigen Zusammenklingen, mit staunenswerter Eindringlichkeit und gestalterischer Intensität. Geheimnisvolles wissen sie genauso überzeugend vorzutragen wie Deklamatorisches, ehe sie sich in die Jubelekstase des Finales stürzen, das Orgel und je vierfaches Posaunen- und Trompetengeschmetter von der Empore herab noch zu steigern verstehen. Eine heftig bejubelte Leistung aller Beteiligten!

Rezension in den Potsdamer Neusten Nachrichten vom 19.11.2012
http://www.pnn.de/potsdam-kultur/699476/