Verlauf:

Edgar Dusdal schrieb:

Das Bühnenbild nach der Pause ist zweigeteilt. Es gibt die irdische, sowie darüber die transzendente Ebene. In deren Mitte hängt Franziskus, gleichsam gekreuzigt, nun ganz christusgleich, nicht nur mit den Stigmata versehen, sondern selbst ein Gekreuzigter. An ihm hängen drei Felsbrocken die drohend über den Köpfen des gemäß Leonardo da Vincis in Szene gesetztem Abendmahlsbild hängen.
Die Abendmahlstafel ist jedoch zweigeteilt. Im Zentrum thront Maria, die Mater Ecclesia, die selbst diese Kirche repräsentiert. Sie halbiert die Tafel und über ihr schwebt der größte Fels. Man könnte mit den Felsen Golgatha assoziieren, oder Franziskus als neuen Petrus, also Fels, dem jetzt als neuen Ordensgründer gilt, Du bist der Fels und auf Dich will ich meine Kirche bauen. Der damalige Papst Innozenz III. hatte nach franziskanischer Hagiographie in einem Albtraum die kirchliche Institution einstürzen sehen doch in Franziskus den Erhalter derselbigen, weshalb er zur Rettung auch seines Papststuhles den Orden bewilligte. Heute sitzt auf dem Stuhl Petri als Papst einer der sich Franziskus nennt. Doch wer wird hier siegen, papalisiert das Papstamt Franziskus oder wird das Papstamt franziskanisiert ?
Auf jeden Fall, so suggeriert es zumindest das Bühnenbild, hängt das weitere Leben, die weitere Existenz der Mater Ecclesia von der franziskanischen Existenz derselben ab. Nur sie vermag den Vollzug des drohenden Gerichtes aufzuhalten, den Stein in der Schwebe zu belassen.
Um dies verständlicher zu machen, ziehe ich als zweite ins Bild gesetzte Symbolebene den Atridenmythos hinzu. Der Stammvater der Atriden ist Tantalus, jener Zeussohn, der die Götter dadurch auf die Probe stellen wollte, dass er ihnen den eigenen Sohn servierte. Bis auf Demeter, die in Trauer um Persephone gefangen, die Schulter des Pelops aß, wiesen die Götter das Mahl entrüstet von sich. Pelops wird von den Göttern das Leben neu geschenkt. Tod und Auferstehung erleben Jesus und Pelops gleichermaßen. Doch seitdem muß Tantalus seine sprichwörtlich gewordenen Qualen erleiden, zu denen auch ein Fels gehört, der, wie auf der Bühne sichtbar, an einem dünnen Faden über ihm schwebt. Maria Tantalus Ecclesia. Ja auch die Kirche opferte und opfert oftmals immer noch ihre Kinder. Das Abendmahl wird so gleichsam zum Tantalusessen und bleiben wir im Atridenmythos, so wissen wir, dass die Söhne des Pelops dem Fluch verhaftet bleiben. Atreus setzt seinem Bruder Thyestes dessen eigene Kinder vor, die dieser verzehrt. Aus dem Abendmahl wird ein thyestrisches Mahl. Und es muß es zwangsläufig werden, wenn Religion und Macht in eins fallen. Dann opfern Menschen einander um einer Idee willen, statt sich darauf zu besinnen, dass das Opfer Jesu das Ende aller Opfer darstellen sollte. Insofern kann nur der Weg des Franziskus hinaus aus einer auch an Macht partizipierenden Kirche das Gericht über dieselbe aufhalten. An ihm hängt das Schicksal der Kirche oder, sollen wir sagen der Welt?
Unter ihm befindet sich die erstarrte Abendmahlsgemeinde. Oder ist es die erstarrte Kirche selbst, die nicht mehr konservativ, sondern schon Konserve geworden ist? Von Zeit zu Zeit erscheinen zwei Kellner diese abzustauben. Die Kirche ist zum Museum geworden, und in ihren Zeugnissen stellt sie nur noch ein Kulturgut vergangener Zeiten dar.
Das Leben wird von außen in Gestalt von zwei Kellnern in die Abendmahlsgesellschaft, oder ist es eine Abendgesellschaft, oder eine Abendlandgesellschaft ? gebracht.
Die Apokalypse jedenfalls hat schon stattgefunden, wenn wir dem Hintergrundbild auf der Bühne Glauben schenken wollen. Von Zeit zu Zeit fliegen ein paar Tauben über die zerstörte Städtelandschaft. Symbolisieren sie einen letzten Rest an Hoffnung, der Taube der Arche Noah gleich, die mit einem Ölbaumzweig zurückkehrt oder sind sie Symbol des Heiligen Geistes, der nun im Plural, da Religion nur im Plural gedacht werden kann neu zu wehen beginnt?
Es wäre eine Ironie, wenn die Kellner, als Ausdruck der säkularen Welt, die allein Leben in die Gesellschaft und ins Bild bringen, die Abendmahlsteilnehmer aus ihrer Erstarrung befreien wollen, doch nur das Gegenteil erreichen. Denn denen, denen sie einschenken, und die von ihrem Wein kosten, sinken sogleich unter den Tisch und zugleich in einen ewigen Schlaf. Der Versuch der Welt, die Kirche neu in Bewegung zu setzen, scheint zum Scheitern verurteilt. Bewegung kann nur von innen kommen.
Maria streichelt von Zeit zu Zeit ein totes Rehwild, das blutig auf ihrem Schoß liegt. Als Pieta ist aus dem Sohn Gottes, dem Lamm, ein Rehwild geworden. Ist das ein Hinweis auf das Psalmwort: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele nach dir Herr“, das seufzergleich Maria entweicht oder erobert an heiligster Stelle, im Zentrum des Bühnenbildes und des Glaubens angelangt, auch hier der Atridenmythos die Szenerie? Erobert sich das Heidentum die Welt zurück? Dann säße nicht Maria dort, sondern die Jungfrau Artemis, die das ihr heilige Wild betrauert, das der Atreussohn Agamemnon in ihrem heiligen Hain niederstreckte, und so den Zorn der Göttin provozierte. Um sie zu besänftigen, opferte der Vater seine Tochter Iphigenie, auf das der Wind wieder weht und die griechische Flotte gen Troja segeln kann.
Dann häuften sich in dem Bühnenbild Genrationen von Opfern von Pelops über die Thyestessöhne bis hin zu Iphigenie. Jedesmal opfern die Eltern ihre Kinder, so wie der Fortschritt in seiner Ambivalenz Leben gibt und Leben nimmt. Doch bleibt der Mythos, verbleiben die säkularen Opferrituale im Kontext des Abendmahltisches als dem Opfertisch schlechthin. Und der Abendmahlstisch steht immer noch für die Verheißung einer Welt, die Leben ohne Opferung anderen Lebens denken läßt. Das Ganze wird zwar noch einmal gebrochen, da es sich vor einem Hintergrundbild abspielt, das eine apokalyptischen Opferung jedweder Zukunft in Aussicht stellt, also alles in Nihilismus versinken lässt. Wenn da nicht die Tauben wären, die wieder Leben und Hoffnung ins starre Bild bringen. Franziskus wurde zum Christusnachfolger. Das predigt das letzte Bild auf eindringliche Weise. Das Stück lädt dazu ein, sich mit ihm zu identifizieren, damit das drohende Weltgericht weiter aufgehalten werden kann.

Das ganze Stück ist einem Gottesdienst durchaus vergleichbar. In seiner langsamen Darstellungsweise transzendiert es die Zeit, es entrückt den Zuschauer und läßt ihn gleichzeitig zu sich selbst kommen. Je langsamer, je sparsamer die Gestik auf der Bühne um so aufdringlicher empfindet man jede eigene Körper- und Geisteswahrnehmung. In meditativer Weise, durch die Musik kongenial eindringlich gemacht, transportiert das Stück seine Botschaft(en).

Franziskus Botschaft erging in einer Zeit, in der noch Bürger- und Christengemeinde nahezu identisch war. Das ist heute anders. Doch dadurch bleiben die in der Religion wach gehaltenen existenziellen Fragen auf den Raum der Kirche bezogen. Sie erreichen nicht mehr die Menschen jenseits der Kirchenmauern. Bei dem Versuch, Menschen wieder in die Kirche zu bringen, verwandelt sich der Gottesdienst manchmal zum schlechten Theater. Doch manchmal kann man es erleben, dass das Theater zum guten Gottesdienst wird. Danke!

Anmerkung des Theaters: Der Theologe Edgar Dusdal ist Pfarrer an der Evangelischen Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde in Berlin Lichtenberg. Wir danken herzlich für diesen ausführlichen Beitrag.