Verlauf:

Wolff-R. Achenbach schrieb:

Hallo, etwas sehr spät zu Herrn Montan, bin durch Zufall erst darauf gestoßen: Ich bin recht froh darüber, dass nicht alle Welt unbedingt Herrn Wilde hören will. So bleibt er Cottbus erhalten. Ein Tenor, der in kurzen Zeiträumen so vielseitige Partien aus Troubadour, Rheinnixen, Walküre, Eisenstein, Genoveva und demnächst Aida interpretiert, muss wohl als vielseitig und technisch solide betrachtet werden. Da ist es auch unbillig, in allen Partien, von einer auch oder erst recht bei Sängern
gering schwankenden Tagesform abgesehen, immer sehr hohe Leistungen zu erwarten. Offenbar haben wir unterschiedliche Aufführungen gesehen. Es ist sicher auch unbestritten, dass die französischen Opern, die - mit Ausnahme von Bizet - eher selten den Spielplan zieren, besonders anspruchsvoll sind. Dass Herr Wilde spielen und damit auch Emotionen transportieren kann, haben Sie selbst bestätigt. Meiner Meinung nach gelingt das dann besonders gut, wenn eine Stimme noch einen eigenen Charakter hat. Im Rahmen der Globalisierung macht sich immer mehr ein sängerischer Einheitsbrei breit, der über sängerische Schönheit und Perfektion kaum noch hinausgeht und Persönlichkeiten seltener werden lässt. So kann man, vom Namen abgesehen, den slawischen Ursprung bei Anna Netrebkos makelloser Stimme nicht mehr hören. Es gibt natürlich auch den makellosen Schönsänger, der brillant ist, dafür aber ausdrucksschwach. Was Ihre Ausführungen zu den Sängern an anderen Opernhäusern angeht, so kann ich die nicht teilen. Einige Beispiele: der asiatische Manrico im Dresdener Troubadour war völlig unbeweglich, hatte eine stählerne Stimme mit einem strahlenden hohen C, falls es eins war, sang dafür aber nur eine Strophe der Stretta und schenkte sich die Auseinandersetzung mit dem Chor. Ich war unangenehm überrascht, mit wie viel Aufwand man wenig erreicht hat. Das galt auch für die in dieser Zeit in einer Krise steckende Staatskapelle. Als anderes Beispiel möchte ich Lohengrin und Rienzi in Leipzig nennen , wo sich Herr Stefan Vinke mehr oder weniger glanzlos durch die Partien arbeitete, oder den Dessauer Maskenball , wo eine Fülle von skurrilen Einfällen die Zuschauer, zusammen mit der Notwendigkeit des Lesens des deutschen Textes in Spruchbändern, so von der Musik ablenkte, dass Besucher zwei Tage später nach Vorspielen eines Querschnittes angaben, die Musik noch nie gehört zu haben. Wie viel geht da verloren!
Freuen wir uns doch alle über eine gelungene, lebhafte, nicht verstaubte Inszenierung mit unaufdringlichen Parallelen, einem starken Orchester, einem guten, spielfreudigen Solistenensemble , wobei die Betonung auf Ensemble liegt, siehe auch Fechtszenen, und nehmen die hier wohl kleinen Unzulänglichkeiten des Liveerlebnisses Oper eher dankbar an, weil sie einfach dazu gehören, so wie Sie es letztlich auch getan haben. Und über die womöglich letzten Stimmen mit Individualität! Alternativ bleibt ja noch die Lüge der CD. Übrigens wäre ich an einem Gespräch über das weite Feld Oper sehr interessiert und bin in Cottbus Ostern zu „Candide“.
Mit freundlichen Grüßen, Ihr Wolff- R. Achenbach