Verlauf:

Achenbach, Wolff-R. schrieb:

Zunächst möchte ich der Auffassung widersprechen , daß Wagner mit dem Siegfried eine Komödie installieren wollte(Lausitzer Rundschau, 28.3.2011) und ich denke, dass das auch nicht die Absicht von Herrn Schüler war. Sonst kann ich der Kritik nur zustimmen. Das Wunderbare an der Regie war, daß semiscenisch nicht semiscenisch war, und das ein sehr feines Gespür für die Grenze zwischen Kömödie und sehr gelungener Auslegung des Textes bis in die letze Feinheit gelang. Ich glaube, hier näherte man sich der Vorstellung Richards Wagners vom Gesamtkunstwerk nach Jahrzehnten der Abstinenz oder des Klaumauks oder der totalen Sterilität sehr.

Langeweile gab es wirklich nicht: das Phantastische - die bis ins kleinste auch sehr mit realer Situationskomik gestaltete Personenführung - verzichtete nicht auf eine teilweise fast bissige Ironie, die aber nicht die Tiefe der Beziehungen abschwächte, sondern deren Ernsthaftigkeit vertiefte. Bei aller Heiterkeit - ein lautes Lachen ist zu mir in die 10. Reihe weder vom Rang noch vom Parkett gedrungen. Intendant und Regisseur Martin Schüler knüpft hier an die besten Dresdener Inszenierungen Harry Kupfers an.

Es ist nicht alles zu schildern, ich glaube, das ist auch für einen Nichtwagnerianer nicht nur attraktiv, sonder womöglich eine Einstiegsbasis. Wundervolles Orchester, ohne zuzudecken!! Das Solistenensemble ohne Fehl und Tadel, Siegfried verhaltensähnelnd einem noch unausgereiftem Jugendlichen, wie es ihn wohl zu allen Zeiten gab, geradezu drauflos bis zur Grobheit, nur selten beeindruckbar, mit erhebliche Spiellaune und Gewandheit. Mime mit einer spielerischen und sängerischen Perfektion , die auch die Leistungen berühmter Vorbilder übertraf (Zednik, was sicher auch ein Verdienst der Regie war). Nico Wouterse als Wotan mit enormer physischer und sängerischer Präsenz, wie Siegfried kaum eine Möglichkeit irgendwann mal unter dem Limit zu singen, Erda mit einer Stimme aus einem Guß, wie sie wohl kaum noch ausgebildet wird, Waldvogel wie schon in der Kritik beschrieben, aber dazu auch noch mühelose Höhen. Mal ganz altertümlich: Den Alberich gab Herr Jäpel, dessen Qualitäten mir in lyrischen Partien bekannt waren, dessen Qualität in
dramatischen Bereichen bisher nicht. Hervorragende Verständlichkeit, makellose und ausdrucksstarke und anscheinend mühelose Tonqualität bis zu den Grenzbereichen, kombiniert mit enormer darstellischer Qualität. Nicht zuletzt Brünhilde Sabine Passow, nicht nur von der Erscheinung eine attraktive Brünhilde, sie vereint in ihrer Stimme lyrische Qualität, ohne deshalb leise oder dünn zu sein, mit kraftvollen, aber hellen, gut timbrierten Spitzentönen. Ausstattung prima, illusionsanregend.

Es sollte sich bei dieser Aufführung keiner von dem Namen Wagner abschrecken lassen, ein heutzutage selten intensives Theatererlebnis, das sich Opernfreunde zumindest zur Meinungsbildung anhören und -schauen sollten. Ich glaube kaum daß es jemand bereuen wird.