Verlauf:

Franziska Fischer schrieb:

Ich will auf die Meinung der Familie Marowjak Bezug nehmen. Ich war am Samstag ebenfalls zum Inszenierungsgespräch geblieben (bei dem eine Dame Herrn Gollner Blumen schenkte – ein Hoch auf die Cottbuser und ihre Theaterleidenschaft!). „Die aktuellen Bezüge“, die der eine oder andere in der Inszenierung in Anspielungen auf Politiker und Volk gefunden zu haben glaubte, lagen für mich in erster Linie auf einer psychologischen Ebene. Wie Regie und Schauspieler das Verhältnis der Protagonisten entwickelten, hat mich zunächst sehr überrascht, dann aber völlig überzeugt. Frau und Herr Marowjak haben völlig recht: Die Szene zwischen Alba und Egmont gehört zu den Sternstunden dieser guten Inszenierung. Wie die beiden Ritter sich im ersten Augenblick begegneten, das glich der Begegnung zweier alter Schulfreunde. Zuerst verhalten und unsicher, wie der andere nach der langen Zeit der Trennung reagieren werde, flüchteten beide dankbar in eine rückhaltlose Umarmung und einen großen Gefühlsüberschwang - ganz so, als wollten sie die „alten Zeiten“ der Kindheit und Jugend noch einmal heraufbeschwören (die „alten Zeiten“, von denen wir doch durch die beiden, das Spiel begleitenden Knaben längst wußten, dass sie keine "goldenen Zeiten" waren). Wie der eine, Alba, aus diesem Überschwang mehr und mehr ausstieg, was der andere, Egmont, gar nicht bemerkte; wie jener sich vorbereitete auf den Todesstoß und dieser sich bis zuletzt in Sicherheit wiegte, noch immer im Glauben, ein Gleicher neben einem Gleichen zu sein, da er doch längst als Todgeweihter neben seinem Henker stand … - das alles stimmte in einem solchen Maße in Gestus, Sprachrhythmus und Arrangement, dass ich völlig vergaß, dass das alles in eine alte Geschichte gehört, in eine sehr alte Geschichte. Mir schien es ganz und gar von heute zu sein. So sind wir, oder?
Franziska Fischer

Frank Marowjak schrieb:

Wir möchten danke sagen für den gestrigen Abend (Egmont am 16.10.2010 – Anm. d. Adm.). Eine sehr schöne Ensembleleistung, bei der uns besonders Amadeus Gollner, Kai Börner, Kathrin Panzer und Roland Schroll gefallen haben. Ein Abend voller aktueller Bezüge, ohne das Goethe „auf den Kopf gehauen“ worden ist. Danke! Danke auch für die Gelegenheit, danach noch Regisseur Bernd Mottl und einigen der Darsteller begegnen zu können. Im Gespräch mit ihnen hat sich für uns vieles noch besser geklärt. Vor allem den Hinweis auf Stuttgart 21, den ein älterer Herr gleich anfangs in die Diskussion einwarf, finden wir sehr treffend. Wer ist der Souverän – die Auseinandersetzung zwischen Alba und Egmont, so wie sie von den beiden Schauspielern ausgetragen worden ist, stellt diese Frage sehr eindringlich für unsere Zeit. Egmonts Argumente sollten allen, die das Sagen zu haben glauben, als Pflichtlektüre vor Kabinetts- und Parlamentssitzungen verordnet werden.
Frank und Elfriede Marowjak, Berlin