Claudio Monteverdi: Marienvesper

Wie lebendig kann eine Musik sein, die 400 Jahre alt ist? Monteverdis „Marienvesper“ beantwortet diese Frage eindeutig: äußerst lebendig.

Die ersten Takte öffnen die Tür zu einer überwältigenden Fülle musikalischer Reichtümer. Monteverdi verband in der Marienvesper Vokal- und Instrumentalstücke, alte und neue Kompositionsweisen, geistliche und weltliche Musik, Entrückung und pralles Leben, Lobgesang und Innigkeit, geistige Besinnung und musikalische Entsprechungen erotischer Sehnsucht. Eine vergleichbare Vielfalt an Formen, Ausdruckscharakteren, Besetzungswechseln, überraschenden Wendungen und Hörreizen findet sich in nur wenigen Werken liturgischer Musik. Dies mag daran liegen, dass Monteverdi, der am 15. Mai 1567 zur Welt kam, sich mit der „Marienvesper“ möglicherweise um ein Amt am päpstlichen Sitz bewerben wollte. Da hätte es nahegelegen, in diesem Werk das gesamte kompositorische Können unter Beweis zu stellen. Vielleicht aber auch wollte er unabhängig von solch einem konkreten Anlass eine völlig neue Art der Vesperkomposition verwirklichen. Dabei folgt die Anlage der Marienvesper den Vorschriften der Kirche. Sie beinhaltet das einleitende Invitatorium, fünf Psalmen, einen Hymnus und ein Magnificat. Im Magnificat besingt Maria Gottes Macht, eitle und hartherzige Herrscher zu stürzen, Erniedrigte zu erheben und Hungrige zu sättigen. Maria weiß, dass sie selbst ein Beleg dieser Macht ist. Das hat sie wenige Tage zuvor durch die Verkündigung eines Engels erfahren. Sie, eine einfache Frau aus dem Volk, hat Gott auserwählt, die Mutter seines Sohnes zu werden. Vermutlich schuf Monteverdi die Vesper für den kirchlichen Festtag Mariae Verkündigung.

Die Marienvesper bietet nicht nur Hörabenteuer, auch ihre Geschichte ist geheimnisumwittert. Um sie ranken sich Spekulationen: Für welchen Aufführungsort wurde sie geschrieben? Ist sie ein zusammengehöriges Werk oder eine Sammlung einzelner Sätze? Und unter welchen Umständen hat Monteverdi diese Krönung seines Schaffens überhaupt komponiert?

„Die Marienvesper von 1610 ist eines der großen Rätsel europäischer Musikgeschichte“, konnte man vor kurzem in einer führenden Zeitung lesen. Hinzufügen lässt sich: Sie ermöglicht sicherlich eines der großartigsten Hörerlebnisse innerhalb dieser Tradition.

CLAUDIO MONTEVERDI
Marienvesper

Jenny Bleidorn, Meike Funken, Debra Stanley, Matthias Bleidorn,
Dirk Kleinke, Jaroslaw Mielniczuk, Pawel Piekut und Ingo Witzke
Kammerchor der Singakademie Cottbus e.V.
Bach Consort Cottbus
Dirigent: Christian Möbius

Dienstag, 3. Oktober 2017 | Großes Haus

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