Fürst Pücklers Utopia

Ein Stück von Christoph Klimke
Uraufführung anlässlich des Fürst-Pückler-Jubiläums 2010

Fürst Pücklers Vermächtnis sind nicht nur die Schlösser und Parks in Muskau und Branitz. Geblieben sind auch seine Bücher über die Landschaftsarchitektur und seine Reisen um die Welt, ob zu Pferde, zu Fuß oder am Ende mit der Eisenbahn. Der Mann duellierte sich mit Rivalen, liebte den Luxus, war immer pleite und hatte wohl mehr Liebschaften als Casanova. Er war befreundet mit Diktatoren, bewegte sich im Hochadel und vertrat demokratische Ideen. In Christoph Klimkes Stück blickt Pückler kurz vor dem Tod auf sein Leben zurück: Noch einmal begegnet er seinen Frauen, Freunden und Feinden, erlebt exotische Abenteuer, riskiert sein Leben und das anderer. An dem schillernden Janus fliegt das Leben wie in einer Revue vorüber. Auch Figuren der Zeitgeschichte treten auf: Napoleon, Goethe oder Heinrich Heine. Hin- und hergerissen zwischen Monarchie und Demokratie, Kriegen und Freiheitsideen, Komödie und Tragödie versucht Pückler, seine eigene Welt zu erschaffen: nicht nur in seinen Parks, sondern sehr wohl auch in seinem Utopia. „Die Realität ist nichts, der Traum ist alles", ist Pücklers Lebensmotto und FÜRST PÜCKLERS UTOPIA. Johann Kresnik wird in der Uraufführung mit Schauspielern, Tänzern, Sängern, Chor und Orchester sowie einer zirkushaften Statisterie dieses abenteuerliche Leben auf die Cottbuser Bühne bringen.

PREMIERE Samstag, 30. Oktober 2010
Vorstellungen nur bis Januar 2011

Präsentiert von

Besetzung

RegieJohann Kresnik
Buch und DramaturgieChristoph Klimke
Ausstattung
KompositionJames Reynolds
Musikalische LeitungMarc Niemann
1. RegieassistentHauke Tesch
2. Assistentin
Musikalische AssistenzFrank Bernard, Irene Berlin, Christian Georgi, Andreas Simon, Peter Wingrich
Fürst Pückler
Lucie, Bettina, Dulcinea, Geliebte, Wilhelmine ReichardSigrun Fischer
Lenormand, Mutter, Ada, KöchinHanna Petkoff
Vincenza, Brundel, Konditorin, Ida, Helmine
Leopold Schefer, Vater, Mehmed Ali, Don QuijoteBerndt Stichler
Schäfer, Bernd, Transvestit, Geliebter, Napoleon, Goethe, Herwegh, Sancho Panza
SopranSarah Behrendt
TenorJens Klaus Wilde
BühnenmusikerBardo Henning
Machbuba
 
Damen und Herren des Ballettensembles
Damen und Herren des Opernchores
 
Saxophonistinnen, Bäume, Kleinwüchsige, Bauchtänzer, Korpulente, Stripteasetänzer, Transvestiten, Feuerspucker, Bodybuilder Statisterie
Es spielt das Kammerorchester des Philharmonischen Orchesters.

Rezensionen

Aufgrund der heftig entbrannten Diskussion um "Fürst Pücklers Utopia" dokumentieren wir ausnahmsweise die Rezensionen zur Inszenierung, so weit sie uns zugänglich sind. Bitte schreiben Sie Ihre Meinung in unser Gästebuch.

http://www.kulturradio.de/rezensionen/buehne/2010/staatstheater_cottbus1.html

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/1308360/

http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article10681052/Brechts-Lehrstueck-Fuerst-Puecklers-Reitstunden.html

http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/11929136/63369/Cottbus-feiert-Vor-Jahren-wurde-Hermann-von-Pueckler.html

http://www.lr-online.de/politik/Tagesthemen-Pueckler-Geburtstag-Flaues-choreografisches-Stehtheater-in-Cottbus;art1065,3087713

http://www.tagesspiegel.de/kultur/johann-kresnik-feiert-fuerst-pueckler-in-cottbus/1973460.html

http://www.neues-deutschland.de/artikel/183175.alles-wird-verwurstet.html?sstr=f%FCrst|p%FCcklers|utopia

http://www.cga-verlag.de/2010/101106pueckler.php

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=4841:fuerst-puecklers-utopia-njohann-kresnik-und-christoph-klimke-arrangieren-in-cottbus-eine-makabre-geburtstagsfeier-fuer-hermann-fuerst-von-pueckler-muskau&catid=38&Itemid=40

http://www.kultiversum.de/Tanz-Kontroversen/Kresnik-Fuerst-Puecklers-Utopia.html

http://www.fr-online.de/kultur/theater/spektakel-in-cottbus/-/1473346/4826216/-/index.html

http://www.kultura-extra.de/theater/feull/rezension_fuerst_uecklers_utopia_staatstheater_cottbus.php

http://news.suite101.de/article.cfm/die-urauffuehrung-von-fuerst-puecklers-utopia-a90750

http://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/265761/

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=4841%3Afuerst-puecklers-utopia-njohann-kresnik-und-christoph-klimke-arrangieren-in-cottbus-eine-makabre-geburtstagsfeier-fuer-hermann-fuerst-von-pueckler-muskau&catid=216&Itemid=1

http://www.lr-online.de/politik/Tagesthemen-Online-Diskussion-bdquo-Typisch-kleinbuergerliches-Gehabe-ldquo-und-bdquo-selbstzufriedene-Heuchelei-ldquo-;art1065,3100855

http://www.lr-online.de/politik/Tagesthemen-Puecklers-Utopia-Peinliche-Sex-Revue-oder-grosse-Kunst-;art1065,3101122

http://www.lr-online.de/regionen/cottbus/Handfester-Streit-in-Cottbus-um-Puecklers-Utopia;art1049,3097962

http://www.lr-online.de/regionen/cottbus/Der-Cottbuser-Stadtverordnete-Denis-Kettlitz-ueber-das-Pueckler-Stueck-Utopia;art1049,3108700

http://www.lr-online.de/kultur/-bdquo-F-uuml-rst-P-uuml-ckler-h-auml-tte-sich-uuml-ber-Utopia-k-ouml-stlich-am-uuml-siert-ldquo-;art1073,3115539

http://www.lr-online.de/politik/Tagesthemen-Utopia-Regissuer-Kresnik-bdquo-Mit-meinen-Sachen-gibt-es-immer-Diskussionen-ldquo-;art1065,3100854

Rezension „Theater der Zeit“, 12/2010
Cottbus - Leiden an Utopia
Staatstheater Cottbus: „Fürst Pücklers Utopia“ (UA) von Christoph Klimke, Regie: Johann Kresnik, Ausstattung Marion Eisele

Das Leben ist kein Märchen, aber manchmal eine Revue. So ungefähr haben es sich der Autor Christoph Klimke und Tanzberserker Johann Kresnik wohl gedacht – und es sich in dieser Auftragsproduktion des Staatstheaters Cottbus zum 225. Geburtstag des Fürsten Pückler recht bequem gemacht. Angestrengt haben sie sich jedenfalls nicht, das steht schon mal fest. Denn was sie hier im immer wieder berückend schönen Judendstiltheatergebäude in Cottbus abliefern, das ist lieblos herübergereichte Ware von der Stange. Der Text holpert sich wie ein tabellarischer Lebenslauf in sprödester Zusammenhangslosigkeit voran, aber das ist eh egal, denn Kresnik bereitet erst mal jene müde Zirkusszenerie aus, mit der er bereits vor 30 Jahren den Puff aus dem Grunde der DKP entdeckte und fortan statt roter Ideologie nur noch Rotlicht verbreitete – manchmal auch beides zugleich in pittoresker Mischung. Und so rollt hier gleich zu Beginn die Statisterie über die Bühne wie ein Saunaklub der 80er Jahre mit künstlichen Palmen, Pantoffeln und fröhlichem Paarungsneonlicht für Hartgesottene. Zwei Stripperinnen, von denen die eine eindeutig schwanger ist und die andere über eine lange Berufserfahrung verfügt, sorgen für Stimmung im Bräunungsstudio. Kleinwüchsige, die man hier ruhigen Gewissens Zwerge nennen darf, und einige Bodybuilder wie aus der Anabolikerwerbung sind natürlich auch dabei. Das ganze könnte unter der Überschrift laufen: Spießer provozieren Spießer – aber hier in Cottbus lässt man sich nicht provozieren, sondern schaut eher peinlich berührt zu, was sich die beide Herren da zu ihrem Fürsten Pückler ausgedacht haben. Wahrlich wenig! Und auch die Urania-Erklätungsdialoge, die regelmäßig anheben: Als ich im Jahr soundso dortunddort war und denundden traf, geschah Folgendes. Und dann kommt ein Satz aus dem Lebenslauf, und dann dreht sich die eine Leiter weiter. Das ist wie bei Münchhausen, nur ganz ohne Zauber. Ist so ein Abend noch irgendwie zu retten? Es scheint unwahrscheinlich. Doch in der zweiten Stunde, da ist Fürst Pückler, den es hier touristisch anzupreisen gilt, endlich alt und blickt gleichzeitig – als heilloser Utopist – nach vorn und mit Melancholie zurück. Dass nun so etwas wie Spiel beginnt, ist vor allem Roland Renner als Pückler zu verdanken, der durch all das abgeschmackte Interieur, das ihm Kresnik aufnötigt hindurchgeht und dabei doch nie ganz die Tragikomödie dieses ungewöhnlichen Menschen aus den Augen verliert. Zusammen mit der Musik, die James Reynold komponierte, mit dem ausgezeichneten Gesang von Sarah Behrendt (Sopran) und Jens Klaus Wilde (Tenor), dem schrägen Zusammenklang des Cottbusser Kammerorchesters mit dem SteyerSaxophonQuartett beginnt zum Ende hin die Szenerie gleichsam zu schweben, Fürst Pücklers Wiedergeburt aus dem Geiste der Musik!

Was muss das für ein Leben gewesen sein, so abgeschnitten von jeder Metropole, verbannt in die Provinz! Und doch atmen Muskau und Branitz mit Barockschloss und Park den Geist der weisen Welt. Pückler war nicht nur ein Reisender, sondern mit seinen „Briefen eines Verstorbenen“, auch ein Autor von hohem literarischen Rang, der mehr als 6000 Seiten Aufzeichnungen hinterlassen hat. Ein wandelndes Paradox: versnobter Aristokrat und radikaler Demokrat gleichermaßen, ein heilloser Egoist mit der Weltanschauung eines Altruisten. Man nannte ihn einen Verschwender, Narren und hoffnungslosen Dilettanten, zuletzt einen Bankrotteur. Er liebte Gärten und wollte die schönsten der Nachwelt hinterlassen. Ein unverstandener Kosmopolit, der sich in die Rolle des Wunderlings einlebte und es dabei doch ernst meinte mit der Idee von Utopia. Erstaunlich, wie es Roland Renner gelingt, inmitten von Badewannenorgien, geilen Altmännersprüchen, Torten im Gesicht und einer nackten dunkelhäutigen Schönheit, die auf seinem Rücken reitet, doch etwas von der würde des unverstandenen Phantasten zu vermitteln. Da trägt jemand die Welt in sich – und darum kann ihm auch niemand etwas anhaben. Das Leben als ein einziger Traum? Am Ende ist man bereit, dieser merkwürdigen Pückler-Saga das abzunehmen. Aber dann kreischt ein rotes Trabbi-Capriolet heran, drin sitzen Don Quichotte, Sancho Pansa und Karl Marx. Mein Gott, Johann! Und zwischen das Liedgut von „Im Leben geht mancher Schuss daneben“ mischt Renner dann, heldenhaft auf seinem verlorenen Posten standhaltend, stillere Sätze Pücklers, des großen Träumers: „Wie kann ich die Leere meines Herzens ausfüllen?“. Man leidet mit ihm.

Sächsische Zeitung, 03.11.2010
Die Realität ist nichts, der Traum alles
Das Staatstheater Cottbus stemmt in einem Kraftakt die Uraufführung der Revue „Fürst Pücklers Utopia“

Geliebt und gehasst, verehrt und verachtet – so schwankt das Bild des Gartengestalters Fürst Hermann Pückler-Muskau (1785-1871) in der Geschichte. Weiberheld und Weltenbummler, Gärtner und General, Autor und Anarchist, Hochstapler und Hochverschuldeter, Fantast und Freiheitsfreund. Pückler liebte gute Essen, feine Kleider, häufiges Reisen, reiche Frauen und junge Mädchen. Er disputierte mit Goethe, stritt mit Napoleon, korrespondierte mit Bettina von Arnim. Zu seinen freunden zählten Diktatoren, Ballonfahrer und Konditoren. Sein Motto lautete. „Die Realität ist nichts, der Traum ist alles.“ Zu Pücklers schönem Erbe gehören Parkanlagen von Bad Muskau und Branitz. Mit einem Festakt wurde am Wochenende zum 225. Geburtstag in Cottbus das Wirken Pücklers gewürdigt. Am Abend gab es am dortigen Staatstheater die Uraufführung der farbigen und aufwendigen Revue „Fürst Pücklers Utopia“. Der Berliner Autor Christoph Klimke schrieb das Stück zum Jubiläum. Er sieht den Globetrotter als ewig Suchenden nach einem Land Utopia, einem unerreichbaren Goldenen Zeitalter, wo Mensch und Natur im Einklang leben, wo es kein Oben und Unten mehr gibt. Er zeigt ihn als zaudernden Lebenskünstler mit monarchistischer Attitüde und demokratischen Visionen. Für die Inszenierung der Revue engagierte das Theater den international gefragten Österreicher Johannes Kresnik (70). Der Begründer des „Choreographischen Tanztheaters“ gilt als einer der letzten Mohikaner des politischen Theaters. Mit kritischen Stücken etwa über Ernst Jünger und Leni Riefenstahl, Rosa Luxemburg oder Ulrike Meinhof beschrieb er Irrungen und Verwirrungen in den Kämpfen des 20. Jahrhunderts. Seine Arbeiten, genährt von linken Hoffnungen, oft brachial und mit viel Gewalt auf die Bühne gebracht, spalten Publikum und Presse. Auch am Wochenende gab es neben viel Applaus einzelne Buhrufe.

Viel nacktes Fleisch

In seiner Cottbuser Inszenierung wird nicht an Menschen, Bäumen und Maschinen gespart (Ausstattung: Marion Eisele). Kresnik gibt der Revue, was die Revue braucht. Viel nacktes Fleisch, viel schmissige Musik, viel rassigen Tanz. Manchmal bewegen sich mehr als hundert Darsteller und Statisten auf der Bühne: Stripperinnen, Feuerschlucker, Umweltschützer, Bodybuilder, Kleinwüchsige, Schlangentänzer, Wahrsager, Eisverkäufer (natürlich Pücklereis), Transvestiten, Saxofonistinnen. In sein Bildertheater, das nicht so wild und verstörend wie in früheren Arbeiten wirkt, eher altersmilde, aber nicht resignierend, schiebt Kresnik Szenen von etwas plakativer Aussagekraft: Ein Tänzer tanzt ein letztes Mal mit Siwjetfahne, im Hintergrund wird ein Sarg zu Grabe getragen. Karl Marx rollt im roten Trabant mit dem Kennzeichen ZV 11-89 auf die Bühne. Symbole gestorbener Utopien.

Im Mittelpunkt der Revue steht natürlich Pücklers Leben. Etwa die Hälfte des Textes sind Zitate aus Briefen, Aufzeichnungen und Biografien, das macht das Stück manchmal etwas hölzern. Die andere Hälfte besteht aus Träumen und erfundenen Szenen. Die Revue beginnt kurz vor Pücklers Tod. Wie im Traum tauchen wichtige Stationen seines Lebens vor ihm auf: Begegnungen mit Frauen und Freunden, Künstlern und Zeitgenossen. Roland Renner (60) als Gast in Cottbus, ein Kresnik-Schauspieler, geht ganz in der Rolle des Pückler auf, gerät jedoch zu oft ins Deklamieren, zeigt wenig Wandelbarkeit. Was Schauspieler, Musiker, Tänzer, Statisten und Opernchor insgesamt in der gut zweistündigen, pausenfreien Aufführung leisten, ist freilich mehr als respektabel. Ein gewaltiger Kraftakt des Cottbuser Theaters.


Rainer Kasselt, Sächsische Zeitung, 1.11.2010

Der Traum ist alles
Geliebt und gehasst, verehrt und verachtet - so schwankt das Bild des Gartengestalters Fürst Hermann von Pückler-Muskau (1785-1871) in der Geschichte. Weiberheld und Weltenbummler, Gärtner und General, Autor und Anarchist, Hochstapler und Hochverschuldeter, Fantast und Freiheitsfreund. Pückler liebte gutes Essen, feine Kleider, häufiges Reisen, reiche Frauen und junge Mädchen. Er disputierte mit Goethe, stritt mit Napoleon, korrespondierte mit Bettina von Arnim. Zu seinen Freunden zählten Diktatoren, Ballonfahrer und Konditoren. Sein Motto lautete: "Die Realität ist nichts, der Traum ist alles." Zu Pücklers schönem Erbe gehören die Parkanlagen von Bad Muskau und Branitz.
Mit einem Festakt wurde am Sonnabend aus Anlass des 225. Geburtstages in Cottbus das Wirken Pücklers gewürdigt. Am Abend gab es (mit halbstündiger Verspätung) am dortigen Staatstheater die Uraufführung der farbigen und aufwendigen Revue "Fürst Pücklers Utopia". Der Berliner Autor Christoph Klimke schrieb das Stück zum Jubiläum. Er sieht den Globetrotter als ewig Suchenden nach einem Land Utopia, einem unerreichbaren Goldenen Zeitalter, wo Mensch und Natur im Einklang leben, wo es kein Oben und Unten mehr gibt. Er zeigt ihn als zaudernden Lebenskünstler mit monarchistischer Attitüde und demokratischen Visionen. Für die Inszenierung der Revue engagierte das Theater den international gefragten Österreicher Johannes Kresnik (70). Der Begründer des "Choreographischen Tanztheaters" gilt als einer der letzten Mohikaner des politischen Theaters. Mit kritischen Stücken etwa über Ernst Jünger und Leni Riefenstahl, Rosa Luxemburg oder Ulrike Meinhof beschrieb er Irrungen und Verwirrungen in den Kämpfen des 20. Jahrhunderts. Seine Arbeiten, genährt von linken Hoffnungen, oft brachial und mit viel Gewalt auf die Bühne gebracht, spalten Publikum und Presse. Auch am Sonnabend gab es neben viel Applaus einzelne Buhrufe.
In seiner Cottbuser Inszenierung wird nicht an Menschen, Bäumen und Maschinen (Ausstattung: Marion Eisele) gespart. Kresnik gibt der Revue, was die Revue braucht. Viel nacktes Fleisch, viel schmissige Musik, viel rassigen Tanz. Manchmal bewegen sich mehr als hundert Darsteller und Statisten auf der Bühne: Stripperinnen, Feuerschlucker, Umweltschützer, Bodybuilder, Kleinwüchsige, Schlangentänzer, Wahrsager, Eisverkäufer (natürlich Pücklereis), Transvestiten, Saxofonistinnen. In sein Bildertheater, das nicht so wild und verstörend wie in früheren Arbeiten wirkt, eher altersmilde, aber nicht resignierend, schiebt Kresnik Szenen von etwas plakativer Aussagekraft: Ein Tänzer tanzt ein letztes Mal mit Sowjetfahne, im Hintergrund wird ein Sarg zu Grabe getragen. Karl Marx rollt im roten Trabant mit dem Kennzeichen ZV 11-89 auf die Bühne. Symbole gestorbener Utopien.
Im Mittelpunkt der Revue steht natürlich Pücklers Leben. Etwa die Hälfte des Textes sind Zitate aus Briefen, Aufzeichnungen und Biografien, das macht das Stück manchmal etwas hölzern. Die andere Hälfte besteht aus Träumen und erfundenen Szenen. Die Revue beginnt kurz vor Pücklers Tod. Wie im Traum tauchen wichtige Stationen seines Lebens noch einmal vor ihm auf: Begegnungen mit Frauen und Freunden, Künstlern und Zeitgenossen. Roland Renner (60) als Gast in Cottbus, ein Kresnik-Schauspieler, geht ganz in der Rolle des Pückler auf, gerät jedoch zu oft ins Deklamieren, zeigt wenig Wandelbarkeit. Was Schauspieler, Musiker, Tänzer, Statisten und Opernchor insgesamt in der gut zweistündigen, pausenlosen Aufführung leisten, ist freilich mehr als respektabel. Ein gewaltiger Kraftakt des Cottbuser Theaters.


Irene Bazinger, Frankfurter Allgemeine, 3.11.2010

Ist der Kerl toll? „Fürst Pücklers Utopia“ im Staatstheater Cottbus
Realität ist nichts, der Traum alles: Unter diesem Motto sah Fürst Hermann Ludwig Heinrich von Pückler-Muskau auf sich, Gott und die Welt. Und so lebte er im Spannungsfeld von Lausitzer Provinz und hochfliegenden Phantasien, reiste nach Asien und Afrika und klebte doch stets am Sandboden seiner Heimat. Dort ist er, trotz der Konkurrenz des wesentlich erfolgreicheren Peter Joseph Lenné, eine Art Säulenheiliger, weil er die Parkanlagen in Muskau und Branitz anlegte. Bekannt wurde er als Landschaftsarchitekt und Reiseschriftsteller, berüchtigt hingegen als Frauenheld und Geldverschwender. Zu seinem zweihundertundfünfundzwanzigsten Geburtstag widmete ihm das Staatstheater Cottbus mit „Fürst Pücklers Utopia“ von Christoph Klimke (Text) und James Reynolds (Musik) ein großes Spektakel. Als Regisseur dieser Uraufführung wurde Johann Kresnik engagiert, der seit Jahren ungewöhnliche Biographien in drastisch zugespitzten Versionen auf die Bühne bringt, etwa von Frida Kahlo, Gustaf Gründgens oder Hannelore Kohl. In Cottbus standen ihm für Pücklers ausschweifenden Werdegang neben Orchester, Ballett, Schauspielern und dem fabelhaften Steyer Saxophon Quartett (rein weiblich besetzt) Striptease- und Bauchtänzerinnen, Feuerspeier, Bodybuilder, kleinwüchsige Komparsen samt einem Affen, einer Schlange und einem Pferd zur Verfügung.
Angesichts der turbulenten, chronologisch frei gestalteten Szenenfolge, in der sich Pücklers vielfältiges Leben spiegelt, macht dieser Aufwand zumindest partiell dessen Enthusiasmus für das Unmögliche deutlich. Kresnik entfesselt von Anfang an eine bunte, grelle, schrill assoziierende Revue mit zum Teil plakativen Effekten und nacktem Fleisch, aber auch mit nachdenklich-ruhigeren, oft ironisch bis witzig überformten Bildern. Särge sinken herab und sind mit Knochen, Ballettröckchen, Stahlhelmen, Büchern gefüllt. Ein Bett wird von einem Pferd hereingezogen, neben dessen Kopf der Reitknecht ein prächtiges Geweih hält, schließlich fuhr der Fürst dereinst in einer Kutsche mit gezähmten Hirschen am Berliner „Café Kranzler“ vor, um eine Auserwählte zu beeindrucken.
Jetzt beschläft er seine jugendliche Pflegetochter, breitet das blutbefleckte Laken aus und interpretiert es als Bau- und Pflanzplan für den Muskauer Park. Die treffliche Sigrun Fischer als eine tolerante Gattin Lucie – wie fast alle Schauspieler in mehreren Rollen – nimmt ihren Hermann später unter den goldenen Reifrock und fragt ihn, als er in immer kühneren Visionen von umgeleiteten Flüssen und künstlichen Seen, dazu für den Haushalt von Mobiliar und Viktualien aus ganz Europa schwärmt, bloß entsetzt: „Wer soll das bezahlen?“
Das von Marc Niemann dirigierte Philharmonische Orchester ist im Hintergrund verborgen und folgt so leicht wie locker der humorvollen, mit allerlei Zitaten und Parodien angereicherten Bühnenmusik. Ein klassischer Pas de deux wird getanzt, und Sarah Behrendt (Sopran) und Jens Klaus Wilde (Tenor) singen Heinrich Heines „Nachtgedanken“ über Deutschland „mit seinen Eichen, seinen Linden“. Marschierende Waidmänner schmettern den Jägerchor aus dem „Freischütz“ (Carl Maria von Weber war ein Zeitgenosse Pücklers). Einmal wandelt der Chor in Abendgarderobe mit Verdis Freiheitshymne „Va, pensiero!“ durch die zirzensisch halbseiden eingesetzte Statisterie. Die Gedanken, daran ließ der experimentierfreudige Fürst keinen Zweifel, dürfen ungehindert in jede Richtung wachsen. Souverän und geradezu altmeisterlich verschmilzt Kresnik die verschiedenen Genres, malt Schicht um Schicht ein pittoreskes Panorama um den polymorph glänzenden Pückler aus. Ihn lässt der bravourös aufspielende Roland Renner als einen tief von innen leuchtenden Tag-und-Nacht-Träumer herumflattern, der um keinen Flirt, keine Chimäre und kein Glücksgefühl verlegen ist, der sich aber eigentlich nur um sich selbst dreht, auch wenn er alle anderen in kreativ-aufgescheuchte Bewegungen versetzt. Am Schluss hockt er auf der Kühlerhaube eines roten DDR-Trabants, aus dem heraus ihm Don Quijote, Sancho Pansa und Karl Marx für seine Egomanie die Leviten lesen. Die Bäume an den Bühnenrändern stürzen um, es regnet leere Plastikflaschen, Mülltüten, Joghurtbecher. Der alte Fürst stakst einsam durch den Zivilisationsmüll und will nicht wahrhaben, was aus der Natur geworden ist. Kresnik zeigt ihn als Märchenhelden, Witzfigur und Schmerzensmann, der mehr als nur der Namensgeber einer Eissorte und einer Torte ist.

 

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