Von der Lausitz in die Welt und wieder zurück ...

Ein Gespräch über den abwesenden Fürsten von Pückler-Muskau mit Dr. Martina Münch, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Frank Szymanski, Oberbürgermeister der Stadt Cottbus und Martin Schüler, Intendant des Staatstheaters Cottbus.

Am 30. Oktober 1785 wurde Fürst Hermann Ludwig Heinrich von Pückler-Muskau als der Sohn des Grafen von Pückler und der 15-jährigen Reichsgräfin von Callenberg auf Schloss Muskau in der Oberlausitz geboren. Die Standesherrschaft Muskau war die größte ihrer Art in deutschen Landen, gehörte jedoch zum Kurfürstentum Sachsen. Erst nach 1815 kam sie zu Brandenburg-Preußen.

Frau Dr. Münch, Fürst Pückler ist gebürtiger Sachse. Brandenburg wird das Jubiläum dennoch feiern? Warum ist der Fürst so wichtig für unser Land?

Fürst Hermann von Pückler-Muskau war eine herausragende Persönlichkeit im Preußen des 19. Jahrhunderts. Er war ein sprachgewandter, hochgebildeter Weltbürger, Großgrundbesitzer, Landschaftsarchitekt und Literat, Kosmopolit und skandalumwitterter Bohemien. So hat er die kulturgeschichtliche Entwicklung der Lausitz und unseres Landes erheblich beeinflusst. Über seine ausgedehnten Reisen quer durch Europa, aber auch den Orient hat er äußerst unterhaltsame Berichte geschrieben, das machte ihn zu einem viel gelesenen Schriftsteller. Pücklers große Leidenschaft aber war die Landschaftsgestaltung: Wir haben ihm die wunderbaren Parks in Muskau, Babelsberg und Cottbus-Branitz zu verdanken. Sie besitzen einen unschätzbaren Wert für die Brandenburger Regionen, aber auch für die europäische Gartenkunst. Fürst Pückler ist heute vielen ein Begriff, sein Name ist fast so etwas wie eine „internatonale Marke". Und da ist es doch egal, wo jemand geboren wurde. Entscheidend ist, wo jemand seine größten Lebensleistungen vollbracht und seine Heimat gefunden hat. Außerdem sind Fürst Pücklers Erbe und seine Ausstrahlungskraft so groß, dass wir Brandenburger sie gern mit den Sachsen teilen.

Herr Schüler, Sie werden zum Pückler-Jubiläum im Oktober 2010 ein Stück über Fürst Pückler uraufführen lassen, das vom Staatstheater eigens aus diesem Anlass in Auftrag gegeben worden ist. Was beeindruckt Sie derart an diesem Menschen, dass Sie ihn auf Ihrer Theaterbühne sehen wollen?

Mich beeindruckt der Lebenskünstler Pückler auf mehrfache Weise: Seine Modernität, Vitalität und sein Willen, die unmittelbare Gegenwart zu verändern - und zwar hochkünstlerisch! Aber auch seine Zwiespältigkeit, seine Doppelnatur. Pückler war ein hemmungsloser Spieler und Schuldenmacher, für jedes amouröse Abenteuer zu haben, für jederlei Luxus anfällig. Der notorisch leichtsinnige Abenteurer verprasste auf seinen Reisen bedenkenlos das Geld, das ihm aus der Arbeit seiner Untertanen in Muskau und Branitz zufloss und ließ sich, nicht zuletzt dank seines aufbrausenden Naturells, in zahllose Skandale verwickeln, die oft zu Duellen führten. Den Spitznamen „der tolle Pückler", der ihm seit den Dresdner Jahren anhaftete, trug er bis zum Ende seines Lebens wohl zu recht. Aber sehen Sie nur, welche Lebenskraft, welche Neugier, welcher Entdeckermut hinter all dem aufscheinen! Da will einer seit seiner Jugend in die Welt, will sich keinesfalls einpassen lassen in die Verhältnisse seiner Zeit, einer nach dem Wiener Kongress 1815 wahrlich „bleiernen Zeit", und er sucht und findet Möglichkeiten, seine Träume zu verwirklichen und formt dabei - mit allen Tollheiten - die eigene Biografie zum Muster eines toleranten, weltoffenen, freizügigen Lebens. Pücklers Leben und sein Charakter verbinden sich bei mir mit Theatergestalten wie Faust, Peer Gynt, Don Giovanni, aber auch mit Candide.

Herr Szymanski, Sie werben Touristen für Cottbus unter anderem mit dem Schriftzug „Fürstliches Cottbus". Warum?

Wenn Orte im Zusammenhang mit Pückler mit dem Prädikat „fürstlich" werben dürfen, dann natürlich Bad Muskau und Cottbus. Der Standesherr wurde 1822 gefürstet. Natürlich hat Hermann von Pückler-Muskau auch an anderen Orten bedeutsame Dinge getan. Aber die Wirksamkeit Pücklers, sein Wachsen zu einer Schlüsselfigur für das kulturelle Verständnis des 19. Jahrhunderts, sein Ruhm als Reiseschriftsteller und Landschaftsgestalter sind mit Cottbus untrennbar verbunden. Geistesgrößen seiner Zeit korrespondierten mit dem Fürsten. In die Lausitz gingen Botschaften von Bettina von Arnim, Heinrich Heine, Karl August Varnhagen von Ense und Johann Wolfgang von Goethe. Heute sind Park und Schloss Branitz wichtige Orte der Pücklerforschung.

Frau Dr. Münch, Pückler fuhr per Schiff den Nil aufwärts nach Oberägypten. Er war mehrmals in England, bereiste den Süden Europas und den Norden Afrikas und kam doch immer wieder zurück in die Lausitz. Ein vorbildlicher Landsmann! Auch die Brandenburger heute machen sich oft auf in die Welt, aber zu oft bleiben sie dort. Die Abwanderung überwiegt den Zuzug, die Welt draußen scheint faszinierender als die Heimat. Was tut die Landesregierung in dieser Lage?

Brandenburg ist ein attraktives, lebenswertes Land! Unsere Hochschulen und Forschungseinrichtungen ziehen junge Leute aus der ganzen Welt an. International renommierte Künstler spielen an unseren Theatern und in unseren Orchestern. Das zeigt doch, dass Brandenburg weit über die Landesgrenzen hinaus einen guten Ruf hat. Junge, gut gebildete Menschen haben gerade wegen der demografischen Probleme - Geburtenrückgang und Überalterung der Gesellschaft - hervorragende Chancen hier im Land. Sie sollen schon raus und die Welt erkunden. Sie sollen aber auch wiederkommen, wir können und wollen auf niemanden verzichten! Deshalb müssen wir für einen funktionierenden Arbeitsmarkt sorgen, für gute Lebensqualität, besonders für Familien und für so etwas wie Heimatverbundenheit. Ich selbst bin ja eine „Zugezogene" und habe das Leben hier in Brandenburg schätzen gelernt. Auch Künstlerinnen und Künstler am Staatstheater Cottbus tragen Tag für Tag zu dem bei, was ich „Lebensqualität" nenne. Sie spiegeln in ihrer Kunst das wider, was die Menschen in der Region bewegt und bereichern so das kulturelle Leben unseres Landes.

Herr Szymanski, was unternimmt die Stadt, damit die Cottbuser es halten wie einst Pückler: aus der Lausitz in die Welt und wieder zurück?

Cottbus erlebte in den Jahren seit der Wende den weitgehendsten Strukturwandel in seiner fast 900-jährigen Geschichte. Dabei ist vieles gelungen, besonders was den Erhalt und die Fortentwicklung des Kulturstandortes betrifft. Die Ansiedlung hochwertiger industrieller Arbeitsplätze wurde hingegen nicht energisch genug betrieben. Das ist jetzt unsere wichtigste Aufgabe. Die Voraussetzungen dafür sind da. Das technische Wissen in der Niederlausitz, qualifizierte Arbeitskräfte, zupackende Unternehmer und die beiden Hochschulen der Stadt machen Cottbus zum Zentrum einer innovativen Energieregion. Hier sollen die Technologien der nächsten Jahrzehnte, das Kraftwerk mit CO2-Abscheidung und die stärkere Nutzung erneuerbarer Energien, entwickelt werden. So wird Cottbus als das vitale Herz der alten und neuen Energieregion Lausitz auch wieder junge Menschen anziehen. An Heimatverbundenheit hat es hier nie gefehlt.

Herr Schüler, sind die Cottbuser Theaterleute der Stadt und der Region verbunden?

Wenn Sie danach fragen, ob wir, ob alle, die auf, vor und hinter der Bühne wirken, willens sind, für diese Stadt, diese Region und ihre Menschen zu arbeiten, dann kann ich mit einem klaren Ja antworten. Das Programm der neuen Spielzeit ist dafür ein wunderbarer Beleg; ich nenne mal drei Beispiele, die das auf ganz verschiedene Weise belegen: Das Schauspiel hat seine Projekte unter das Thema „Heimat" gestellt, das Orchester die Patenschaft für eine Cottbuser Grundschule übernommen und die Oper „bespielt" einmal mehr mit einem großen Gastspielprogramm die ganze Region und hat dennoch die Kraft für eine Fortsetzung des „Cottbuser Rings"! Also insofern: ein klares Ja. Wenn Ihre Frage aber darauf abzielt, ob Cottbus, ob die Lausitz für uns Theaterleute zur Heimat geworden ist, dann zögere ich. Nicht, weil ich mir als echter Niederlausitzer selbst unsicher wäre, nein, sondern weil ich merke, wie unscharf der Begriff „Heimat" geworden ist. An unserem Theater sind Menschen aus 17 Ländern engagiert. Sie haben sich hier zusammengefunden, um gemeinsam künstlerisch zu arbeiten; das Theater ist ihnen für diese Zeit zumindest ein „zweites Zuhause". In aller Regel werden viele von ihnen nach einiger Zeit weiterziehen, an andere Bühnen, zum Film, als freischaffende Künstler. Eine für unsere Zeit charakteristische Situation. Wie findet man dabei eine Heimat?

Frau Dr. Münch, in Brandenburg zerstört der Bergbau nach wie vor die Natur, verlieren Menschen durch ihn ihre Heimat. Würde Fürst Pückler für seine Parkpläne heute Fördermittel erhalten?

Bei dem Großgrundbesitzer Pückler hat sich diese Frage - Gott sei Dank - nie gestellt. Muskau und Branitz waren seine privaten Parkanlagen, er hat sie mit eigenem Geld angelegt, immer sehr großzügig geplant und gestaltet. Allein die kostspielige Anfuhr von riesigen Mengen Mutterbodens muss Unsummen verschlungen haben. Pückler stieß da schnell an seine finanziellen Grenzen. Heute ist es leider eher selten, dass Parks von der Dimension des Branitzer Parks neu angelegt werden. Wir stecken mittlerweile viel Geld in die Renaturierung ehemaliger Kohleabbaugebiete, stemmen diese Aufgabe mit Mitteln der Europäischen Union, der öffentlichen Hand und der Industrie. Aber es wird eine Zeit dauern, bis diese künstlichen Landschaften die nötige natürliche Patina bekommen. Ich bin sicher, Pückler hätte die Neugestaltung der Tagebaufolgelandschaften sehr spannend gefunden. Vielleicht hätte er selbst gern bei der IBA mitgemacht. Wir wollen die vielfältigen, gartenkünstlerischen Reichtümer unseres Landes bewahren und für die Öffentlichkeit erlebbar machen. Unsere Parks und Landschaftsgärten sollen für alle Brandenburger und ihre Gäste weiter Inspiration und Bereicherung sein.

Herr Szymanski, wann fahren Sie Wasserski auf dem Ostsee?

Wasserski ist vielleicht als altersgerechte Sportart nicht so gut geeignet. Aber meinen 75. Geburtstag will ich schon als Strandfest am Ostsee feiern. Dass mein kleines Segelboot zum frühestmöglichen Termin an den Cottbuser See umzieht, ist klar. Natürlich freue ich mich, in den nächsten beiden Jahrzehnten mitzuerleben, wie sich die Stadt auf den See einstellt. Da gibt es für die Wirtschatf, für die Künstlerinnen und Künstler, aber auch für unsere Vereine wirklich spannende neue Möglichkeiten.

Herr Schüler, Pückler war ein Meister im Inszenieren. Hätte er an Ihrem Theater ein Engagement bekommen?

Als Bühnenbildner sofort - vielleicht sogar als Regisseur. Dieser Mann hat Visionen gehabt, die ihn plagten und berauschten und denen er irgendwie Ausdruck geben mußte. Dass er dafür nicht das Theater gewählt hat, obwohl er sich als Sänger ausbilden ließ und auch als Schauspieler aufgetreten ist (in seiner Zeit als sächsischer Gardeleutnant - man stelle sich das vor!), spricht dafür, dass Pückler das Phantastische nicht Dichtung und Kunst überlassen, sondern unmittelbar in die Wirklichkeit hineinholen wollte. Deshalb die Reisen nach Afrika, deshalb die Pyramiden in der Lausitz. Er ist damit unter all seinen romantischen Zeitgenossen doch ein ganz besonderer Typ. Er hat das Leben inszeniert, nicht den Traum. Und gerade darum fände ich es hochinteressant zu verfolgen, was er mit einer solchen Gabe im zeitgenössischen Theater ausrichten würde, in einem Theater, das viel unmittelbarer auf Leben und Wirklichkeit ausgerichtet ist, als es die Bühnen seiner Zeit waren. Deshalb: Wenn seine Gagenforderung nicht all zu unverschämt wäre ... - ja, den Pückler würde ich nehmen.

Frau Ministerin, meine Herren, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Bernd Seidel im März 2010.

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