Die Walküre

Erster Tag der Tetralogie DER RING DES NIBELUNGEN
Semiszenische Aufführung

Premiere in Cottbus am 4.10.2008

In der nordischen Mythologie sind Walküren weibliche Geisterwesen aus dem Gefolge des Göttervaters Wotan bzw. Odin. Der Name Walküre stammt von den altnordischen Wörtern valr („die auf dem Schlachtfeld liegenden Leichen") und kjósa („wählen") ab. Das altnordische kjósa ist verwandt mit dem deutschen küren. In der „Walküre" küren also die bewaffneten Frauen, Amazonen-Generälen ähnlich, auf den Schlachtfeldern die tapfersten Helden und geleiten sie nach deren Tod in das Kriegerparadies Walhall. Dort sollen die Recken, von „Wunschmaiden" verwöhnt, auf ihren eventuellen Einsatz gegen den aufgerüsteten Alberich warten.

 

Handlung

Vorgeschichte

Am Anfang des RINGS lag das Gold - als Symbol der natürlichen Ordnung der Welt - ruhend und bewacht in der Tiefe des Rheins. In spielerischer Unbekümmertheit verrieten die Rheintöchter sein sorgsam gehütetes Geheimnis: Wer auf die Liebe verzichte, könne dieses Gold zu einem Ring schmieden, der maßlose Macht verleihe. Das heisst: Nur, wer sich aller moralischer Emotionen enthalte, kann die Weltherrschaft übernehmen.

Als sich der Zwerg Alberich machtversessen darauf einließ, trat das Unheil in die Welt. Der Ring wurde zum bitter umkämpften Streitobjekt. Mit List und Gewalt entriss ihn Göttervater Wotan dem Zwergen, um ihn dann doch selbst an den Riesen Fafner weiterreichen zu müssen. Der entmachtete Alberich belegte den Ring mit einem Fluch: Fortan bringe sein Besitz neben der Macht auch Tod.

Und dennoch gieren Götter, Zwerge und auch die Rheintöchter weiter nach dem Ring. Für Alberich und Wotan geht es um die Herrschaft, die jeweils ganz unterschiedliche gravierende Folgen für die ganze Welt bedeuten würden. Der Göttervater verfolgt dabei eine langfristige Doppel-Strategie: Einerseits zeugt er das Geschlecht der Walküren. Die Aufgabe dieser bewaffneten Frauen ist es, ein Heer aus gefallenen Helden zu einer Streitmacht zusammenzustellen (zu „küren"). Es soll verhindern, dass der Ring wieder an Alberich zurückfällt. Wotans Lieblingswalküre ist seine Tochter Brünnhilde. Andererseits setzte er mit einer menschlichen Frau das Geschlecht der Wälsungen in die Welt. Dabei verfolgt Wotan einen listigen Plan: Weil er als ein an Verträge gebundener Göttervater selbst den Ring nicht rauben kann, soll der Wälse Siegmund - also ein heldischer Menschensohn - den Riesenwurm Fafner für ihn töten.

Die Handlung der Walküre führt in ein von Menschen entfachtes Kriegsgeschehen. Auf der Flucht findet Siegmund im Hause Hundings Unterschlupf. Er wird in Abwesenheit des Hausherren von dessen Ehefrau Sieglinde gastlich aufgenommen. Was beide erst allmählich erahnen: Hunding ist Siegmunds erklärter Feind. Sie selbst - Siegmund und Sieglinde - sind Wälsungen und Geschwister, die vor vielen Jahren getrennt wurden. Zwischen ihnen entbrennt Liebe auf den ersten Blick.

Siegmund und Sieglinde fliehen. Wotan, der ihre Begegnung unauffällig lanciert hatte, gerät plötzlich in ein peinliches Dilemma: Als Hüterin der Ehe ist seine Frau Fricka strikt gegen eine inzestuöse Verbindung der beiden Wälsungen. Sie fordert Siegmunds Tod. Wotans Tochter, die Walküre Brünnhilde, kennt jedoch den geheimen Plan ihres Vaters. Sie versucht, Siegmund im Kampf gegen Hunding auch gegen einen väterlichen Befehl zu retten. Schicksalhaft verquickt sich die Tragödie der beiden Wälsungen mit der des Göttervaters Wotan.

Erster Aufzug

Während einer nächtlichen Verfolgungsjagd sucht ein Fremder Schutz im Hause Hundings. Dessen Frau gibt ihm zu trinken. Sie überredet den Waffenlosen hier zu bleiben.
Beide fühlen sich voneinander wie magisch angezogen. Wehwalt - wie sich der Fremde beziehungsreich nennt - will Hunding erwarten.

Hunding kehrt vom Kampf zurück. Auf Drängen seiner Frau gewährt er dem Unbekannten Gastrecht. Misstrauisch taxiert er jedoch die Ähnlichkeit beider und deren gegenseitige Anziehung. Hunding vermutet in dem Fremden denjenigen, der ihm bei seiner Verfolgungsjagd entkommen ist. Wehwalt berichtet von seiner Jugend: Als er einst von einer Jagd mit seinem Vater Wolfe zurückkehrte, fanden sie die Mutter ermordet und die Zwillingsschwester entführt. Jahre später verlor er während eines Kampfes auch die Spur seines Vaters. Er fühlt, dass ein Unheil auf ihm lastet. Jüngst wurde er von einer Frau zu Hilfe gerufen, die gegen ihren Willen verheiratet werden sollte. Im Kampf erschlug er ihre Brüder und verlor seine Waffen. Nun verfolge ihn die ganze Sippe.
Hunding erkennt in Wehwalt seinen Feind. Er respektiert das Gastrecht für eine Nacht, fordert ihn jedoch zum Zweikampf am nächsten Morgen heraus. Er begibt sich mit seiner Frau zur Nachtruhe.

Allein zurückgeblieben erinnert sich Wehwalt an das Versprechen seines Vaters, er würde in höchster Not ein Schwert finden. Hundings Frau, die ihrem Mann einen Schlaftrunk verabreichte, zeigt ihm eine Waffe: Am Tag ihrer erzwungenen Hochzeit habe ein einäugiger Greis diese Waffe in den Eschenstamm gestoßen. Niemand konnte sich bisher des Schwertes bemächtigen. Aber sie wisse, wem es bestimmt sei: ihrem Befreier. Immer stärker fühlen beide dass sie füreinander bestimmt sind. Als sich Wehwalt - den Namen seines Vaters korrigierend - selbst als ein Wälsung vorstellt, kennt der Jubel der geliebten Frau keine Grenzen. Sie nennt ihn „Siegmund". Nur für ihn sei die Waffe in den Stamm gestoßen worden. Als es ihm gelingt, das Schwert „Nothung" aus dem Stamm zu ziehen, gibt sich die Frau des Hauses als seine Zwillingsschwester und „Sieglinde" zu erkennen. Die sich liebenden Wälsungen werden ein Paar.

Zweiter Aufzug

Wotan erteilt seiner Lieblingstochter - der Walküre Brünnhilde - den Auftrag, Siegmund im Kampf gegen Hunding zum Sieg zu verhelfen. Doch seine Gattin Fricka, in Wotans Machtplan nicht eingeweiht, stellt ihn zur Rede: Als Hüterin der Ehe könne sie den Inzest des Wälsungenpaares und dessen Ehebruch nicht akzeptieren. Sie wirft ihrem Mann die wilde Zeugung der Walküren und Wälsungen vor. Sie zwingt ihn einzusehen, dass er sich in den von ihm selbst geschaffenen Gesetzen verstrickt hat: Siegmund stünde unter göttlicher Führung und sei daher kein freier Held. Wotan muss einen Eid schwören, ihn zu töten. Damit ist sein Plan, Siegmund könne durch den Raub des Ringes die Götterwelt vor Alberichs Machtanspruch retten, gescheitert.

Verzweifelt wünscht sich Wotan jetzt nur noch eins: das Ende. Er widerruft seine Weisung an Brünnhilde: Sie soll nun nicht mehr Siegmund, sondern dessen Gegner Hunding zum Sieg verhelfen.

Siegmund und Sieglinde sind auf der Flucht. Vor Angst bricht Sieglinde ohnmächtig zusammen.

Brünnhilde sucht die Wälsungen auf und verkündet Siegmund den nahen Tod und seine Aufnahme in die Götterburg Walhall. Als Siegmund erfährt, dass er von Sieglinde dorthin nicht begleitet wird, weigert er sich, Brünnhilde zu folgen. Er droht, seine Schwester und das in ihr aufkeimende Leben selbst zu töten. Tief berührt von dieser menschlichen Liebe verhindert Brünnhilde den Mord. Sie entscheidet sich, entgegen dem göttlichen Gebot Wotans, Siegmund in der Schlacht gegen Hunding zu beschützen.

Siegmund stellt sich dem Zweikampf mit Hunding. Als Brünnhilde versucht, Siegmund beizustehen, greift Wotan in den Kampf ein. Er lässt das Schwert Nothung an seinem Speer zerschellen. Daraufhin erschlägt Hunding Siegfried. Brünnhilde ergreift das zerbrochene Schwert und flieht mit Sieglinde. Wotan tötet Hunding und nimmt die Verfolgung der eigenmächtigen Walküre auf.

Dritter Aufzug

Die Walküren sammeln die auf den Schlachtfeldern gefallenen Helden für Wotans Heer in Walhall. Auf ihrer Flucht vor dem Zorn Wotans bittet Brünnhilde ihre Schwestern vergeblich um Hilfe. Keine von ihnen hat den Mut, Sieglinde in Sicherheit zu bringen. Sieglinde will sterben. Erst als Brünnhilde ihr offenbart, dass sie von ihrem Zwillingsbruder Siegmund ein Kind erwartet, ist sie bereit zu fliehen. Brünnhilde gibt dem noch ungeborenen Kind den Namen „Siegfried" und bittet Sieglinde, die Stücke des Schwertes Nothung für ihn aufzubewahren. Sie schickt die Schwangere in jenen Wald, in dem Fafner den Ring bewacht und stelllt sich selbst dem Zorn Wotans.

Hart bestraft Wotan Brünnhildes Ungehorsam: Er verstößt sie aus der Schar der Walküren und aus der Welt der Götter. Sie soll in einen tiefen Schlaf versinken und dem erstbesten Mann gehören, der sie findet und aufweckt. Entsetzt stürmen die schwesterlichen Walküren davon.

Brünnhilde erklärt ihrem Vater, dass sie nur an seiner Stelle den durch Frickas Einspruch verhinderten Weltenplan weiterführen wollte. Wotan lässt jedoch Ungehorsam nicht gelten. Erst als Brünnhilde seine Hoffnung auf Siegfried als den künftigen Retter der Welt weckt, kann die Walküre den Sinn des Göttervaters wandeln. Auf ihre Bitte hin wird er sie, die Schlafende, mit einem schützenden Feuerwall umgeben. Nur ein von Göttergesetzen freier, furchtloser Held soll dieses Feuer durchschreiten und sie wecken können.

Besetzung

RegieMartin Schüler
Musikalische LeitungEvan Alexis Christ
AusstattungGundula Martin
DramaturgieDr. Carola Böhnisch
Musikalische AssistenzFrank Bernard, Irene Berlin, Christian Georgi, Andreas Simon, Peter Wingrich
RegieassistenzAnnaLisa Canton
 
SiegmundJohn Pierce, Jens Klaus Wilde
HundingTilmann Rönnebeck
WotanKarsten Mewes
SieglindeHeidi Jütten,
BrünnhildeLisa Livingston
FrickaCarola Fischer
HelmwigeCornelia Zink
GerhildeGesine Forberger
OrtlindeKatharina Dittmar
WaltrauteSandra Bösel
SiegruneUta Ecke
RoßweißeBeate Dittmann-Apel,
GrimgerdeAnna Fischer
SchwertleiteSaskia Klumpp
Hundings Mannen, Gefallene Helden Statisten
 
Es spielt das Philharmonische Orchester.
 
 
Wir danken dem Verein der Freunde und Förderer des Staatstheaters Cottbus e.V. für die finanzielle Unterstützung bei der Beschaffung der Bärenfelle.

Rezensionen

Bernd Klempnow, Sächsische Zeitung, 06.10.2008

Man verstand jedes Wort, wo sonst doch die Texte im oft brausenden, schwelgenden Orchester untergehen. […] Martin Schüler fasste das mitunter abstruse Götter-Geschehen bildstark von einer menschlichen, nachvollziehbaren Ebene. Selten dürfte hierzulande ein so fast filmisch detailgenau gearbeiteter Wagner zu erleben sein – in einer schlicht-schicken, zeitlosen Bühnenwelt von Gundula Martin. […] Vor allem Anna Sommerfeld als Sieglinde und Karsten Mewes als Wotan waren in Gesang und Spiel vielschichtig und glaubhaft – die Sommerfeld metropolenreif.


Albrecht Thiemann, Opernwelt/Netzkritik, 05.10.2008

Und weil das Geschehen so dicht an die Zuschauer herangeführt ist, treten die treibenden Motive, die emotionalen Energien der Figuren in jeder Phase plastisch zu Tage. Schüler gelingen dabei magische Momente.[...] Bemerkenswert das umsichtige, geschickt disponierte Dirigat von Evan Christ, des neuen, jungen Generalmusikdirektors, der mit der ‚Walküre' seinen Operneinstand gab. Die Tempi sind klug gestaffelt, die Dynamik ist wunderbar austariert, die Klangdramaturgie hat ebenso die überwölbenden Bögen wie die Binnenstrukturen der Partitur im Blick.


Laura Naumburg, Neues Deutschland, 09.10.2008

Schüler entwickelte das komplizierte Geflecht der Geschichte vor allem aus den emotionalen Motiven der handelnden Personen, weniger aus den Zwängen des Mythos. [...] Der eigentliche Coup aber gelang Martin Schüler mit der Einteilung des Bühnenraums. In die Tiefe der Bühne hat er das Orchester gesetzt, bis ins Proszenium nach vorn gezogen den Platz für seine kammerspielgenaue Inszenierung. Es ergibt sich eine Klangmischung zwischen Sängern und Orchester, die an den überdeckten Graben in Bayreuth erinnert. [...] Der neue Cottbuser GMD Evan Christ hatte so auch einen perfekten Einstieg. Hochpräzise der Gewittersturm vor dem ersten Aufzug, nicht nachlassend intensiv mit schönen lyrischen Momenten die langen Strecken bis zum flimmernden Feuerzauber. Für die Solopartien profitierte Martin Schüler von seinem spieltrainierten Ensemble und den sorgsam dazu engagierten Gästen.


Axel Göritz, www.opernetz.de, 26.10.2008

Das ist Wagner-Klang auf hohem Niveau, farbenreich, mit all den in der Partitur angelegten dynamischen Steigerungen und Ausbrüchen, aber auch zart und fein in den Liebesszenen und bei Wotans Abschied von Brünnhilde, mit andauerndem Spannungsbogen und den Sängern ein mehr als solides orchestrales Fundament gebend. Diese nutzen denn auch diese für sie günstige Situation, in der sie vor dem Orchester und nicht wie üblicherweise über das Orchester hinweg singen können, mit für Wagner ungewohnter Textdeutlichkeit und Klarheit. Übertitel wie sonst inzwischen üblich, sind hier nicht erforderlich. Jeder Satz, jede Zeile ist verständlich.
Gesungen wird weitgehend auf ähnlich hohem Stand, wie vom Orchester vorgegeben. Herausragend der Wotan von Karsten Mewes. Sein nicht nur heldischer, sondern glasklarer Bass-Bariton mit staunenswerter Artikulation weiß sowohl in seinen Wutausbrüchen etwa gegenüber Fricka wie in den zarten Passagen des Abschiednehmens von Brünnhilde voll zu überzeugen. Diese, verkörpert von Lisa Livingston, kommt eher vom lyrischen Rollenansatz als vom vollen hochdramatischen Duktus. Im direkten Miteinander der mit fast unbändiger Kraft singenden Sieglinde von Heidi Jütten [...] hat es diese Brünnhilde nicht ganz leicht. Carola Fischer als Fricka wiederum kann mit ihrem vollen runden Alt selbst ihrem rasenden Mann Wotan Paroli bieten. Die Stimme von Jens Klaus Wilde als Siegmund erblüht und schwelgt im Liebesglück und hat noch genügend Reserven für kraftvolle Wälse-Rufe. Als Hunding ist Tilmann Rönnebeck mit mächtigem Bass rollengerecht besetzt. Die Walküren-Schar ist ein homogenes, stimmlich zueinander passendes Ensemble.


Harald Asel Info-Radio, 06.10.2008

Der neue Generalmusikdirektor Evan Christ geht es wie ein Konversationsstück an, was vor allem dem Anfang sehr gut tut: die Sieglinde der Anna Sommerfeld darf vom eingeschüchterten Eheweib bis zur um ihre Liebe und die Zukunft kämpfenden Furie ihre große Bandbreite zeigen. Das Orchester sitzt auf der Bühne, davor, auf dem Orchestergraben wird in dieser halbszenischen Inszenierung Martin Schülers mit historischen Versatzstücken (Wolfsfell, Speer), aber mit modernem Sofa der Mythos klug und genau auf die bürgerliche Welt von heute bezogen. Evan Christ treibt weniger an, als dass er Details genießt, der stimmliche Überdruck, der mitunter dagegensteht, hat durchaus verfremdende Wirkung. Stimmlich überragend der Wotan des Karsten Mewes, der zweifelnd, fast depressiv beginnt, um nach der Durchkreuzung seiner Pläne sich zu verhärten und fanatisch gegen seine Lieblingswalküre zu wüten. Am Ende wiederum, wenn die Flammen um die schlafende Brünnhilde zucken, klingt das Orchester fast tänzelnd und nimmt den Konversationston vom Beginn wieder auf. Die Festwoche im Theater Cottbus - mehr als nur eine Leistungsschau.

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Eine tolle Inszenierung! Mit Isabel Dörfler steht ein echter Star auf der Bühne - was für eine Persönlichkeit - was für eine Stimme. Wir waren restlos begeistert! Danke für den …