Alle meine Söhne

Schauspiel von Arthur Miller
Deutsch von Berthold Viertel
Überarbeitet von Bernd Schmidt

Chris Keller müsste eigentlich nur noch zugreifen: Er ist Anfang dreißig, bereits Kriegsveteran und kurz davor, die florierende Firma seines Vaters Joe zu übernehmen. Über den Skandal, in den die väterliche Firma während des Krieges verwickelt war – angeblich hatte Joe mitten im Kriegsgeschehen fehlerhafte Teile an die Air Force geliefert, infolgedessen waren 21 Piloten abgestürzt – spricht heute niemand mehr. Joe‘s Kompagnon wurde für die Tat verurteilt und sitzt im Gefängnis. Inzwischen sind einige Jahre vergangen. Chris wünscht sich, eine Familie zu gründen, denn wenn er die elterliche Firma übernimmt, will er etwas haben, wofür es sich lohnt, nach Hause zu kommen. Er will heiraten und zwar ausgerechnet Ann, die Tochter des früheren Nachbarn und Kompagnons Steeve Deever, pikanterweise die ehemalige Freundin seines Bruders Larry, der seit mehreren Jahren als verschollen gilt. Als Ann der Einladung von Chris folgt, löst ihr Erscheinen jedoch ambivalente Reaktionen aus: Mutter Kate Keller weigert sich beharrlich, Larry für tot zu erklären und stellt sich dem Glück des jungen Paares so in den Weg, Nachbarin Sue verwirrt Ann mit zynischen Bemerkungen und der von Chris innig geliebte Vater Joe weicht aus. Als schließlich Anns Bruder George im Keller’schen Familienidyll auftaucht, bekommt die heile Fassade zunehmend Risse.

Es sollte der letzte Versuch sein, sich als Dramatiker durchzusetzen, bevor der bis dahin weitgehend unbekannte Arthur Miller das Schreiben aufgeben wollte. Drei Jahre harte Arbeit folgten. Die Sehnsucht nach einer heilen Welt, das Verhältnis von Marktwirtschaft und Krieg sowie die Frage nach Verantwortung des Einzelnen in der Gesellschaft sind die großen Themen von ALLE MEINE SÖHNE, mit dem Arthur Miller schließlich 1947 der endgültige Durchbruch am Broadway gelang. 

Regisseur Harald Fuhrmann realisierte bereits in der vergangenen Spielzeit erfolgreich Thomas Freyers Stück „Im Rücken die Stadt“ in der Kammerbühne. Das Ausstattungsteam Okarina Peter und Timo Dentler haben nun für ALLE MEINE SÖHNE auf der Bühne des Großen Hauses einen Bühnenraum geschaffen, der einem realistischen Film-Set ähnelt. Wahrheit und Lüge verschmelzen durch vorgetäuschte Oberfläche und offen sichtbare Konstruktion zu einer Einheit. Das Leben mit der Lüge wird in der psychologisch ausgeloteten Inszenierung auf diese Weise ins Zentrum gerückt.

PREMIERE Samstag, 7. April 2012

Präsentiert von

Besetzung

RegieHarald Fuhrmann
Bühne und KostümeOkarina Peter, Timo Dentler
DramaturgieSophia Lungwitz
Regieassistenz
 
Joe KellerRolf-Jürgen Gebert
Kate Keller, seine FrauSigrun Fischer
Chris Keller, ihr SohnOliver Seidel
Ann DeeverJohanna Emil Fülle
George Deever, Anwalt, Anns BruderAmadeus Gollner
Dr. Jim Bayliss, ein Arzt, NachbarGunnar Golkowski
Sue Bayliss, seine FrauJohanna-Julia Spitzer

Rezensionen

Hartmut Krug, nachtkritik.de, 7.4.2012

„Joe Keller (Rolf-Jürgen Gebert, d. Red.) steht wie ein Denkmal der Zufriedenheit morgens vor seinem schmucken Haus. Ein Vogel zwitschert, und Keller versucht ihm zu antworten: Die Szene zeigt ein Idyll. Doch der abgebrochene Zweig eines Baumes mit seinen abgefallenen Äpfeln liegt im Garten auf dem Rasen und bedeutet dem Publikum, noch bevor ihm erklärt wird, dass der Baum eine besondere, biographische Bedeutung für Kellers Familie hat, dass hier ein Fall aus dem Paradies stattfinden wird. […] Das Stück ist so schlicht wie gut gemacht und läuft wie ein Uhrwerk ab. Hier ein falscher Satz, dort ein alter Brief und die Schuld von Joe Keller wird völlig offenbar. Wer ist schuldig und in welchem Maß, so lauten die Fragen. Schon der, der Ahnungen aus Bequemlichkeit verdrängt? Oder nur der, der lügt und den ökonomischen Erfolg über die Moral stellt. […] sehr konzentriert und überzeugend ruhig gibt Johanna Emil Fülle die junge Ann. […] Und dass der heile Lebensraum der Familie ein Konstrukt ist, zeigt das Bühnenbild überdeutlich. Es wird immer mehr abgebaut, bis zum Schluss nur noch ein kleines Stück des Gartens, der Insel der Ruhe, der falschen Seligkeit, aber auch der Lügen, übrig ist.“


Jürgen Heinrich, Der Märkische Bote, 14.4.2012

„Familie. Hier wird sie klischeehaft vorgeführt. Amerika in den 1940er Jahren. Alles stimmt, selbst die Sambaschuhe, die Keller trägt, waren damals Mode. Ein feines Haus, breites Auto davor, akkurater Rasen. Ein großer, herunter gebrochener Apfelast stört das Bild. Er irritiert auch die Figuren. Aber es geht hier nicht um Sturm und Naturkräfte. Es geht um Gewalt und Lüge. Um unheilvolle Menschenkraft. Um Krieg. […] Das Stück in der Regie von Harald Fuhrmann, Ausstattung Okarina Peter und Timo Dentler, reißt eine Familienscholle aus dem heilen Umland heraus, stellt sie und die darauf Agierenden gnadenlos bloß. Das ist der Boden für großes, ergreifendes Schauspiel. Rolf-Jürgen Gebert gelingt die Figur eines Mannes, der harmlos-tuttelig einem Vögelchen nach pfeift, ehe er sich, nach und nach straffend, Geschäftlichem zuwendet, mit mächtiger Zigarre erstarkt, später grau verfällt, die zitternde Hand auf der Banklehne - ein geschlagener, ein toter Mann. Zur Einsicht nicht fähig. Gebert gibt dem Täter keine Gnade. - Und dann diese Frau! Sigrun Fischer zeichnet sie hart, verbissen das Unmögliche skandierend, und sie weint wirkliche Tränen! Der tote Sohn wird letzter Kläger, nachdem Oliver Seidel seinen Chris die ganze Verzweiflung dieser im Krieg zerstörten Generation ausschütten lassen hat. Nein, es war nicht nötig, Ort und Zeit in jüngere Nachkriege zu rücken. Alles wird gesagt. Auch mit Hilfe der übrigen Darsteller. Eine faszinierende Aufführung, kammerspielhaft direkt. Es gab Riesenbeifall.“


Sandra Diekhoff, Märkische Allgemeine, 17.4.2012

„Die Themen sind in der jetzt gezeigten Inszenierung von Harald Fuhrmann klar herausgearbeitet. Es geht um die Gier nach Profit, die Konflikte innerhalb der Familie und um Verantwortung. Die Kritik an der amerikanischen Mittelklasse etwa wird deutlich in dem anbiedernden Ton: Floskeln und gezwungene Höflichkeiten lenken die Figuren von Schuldgedanken ab. Alltägliche Rituale und Schweigen machen eine echte Aussprache unmöglich. Nachbarin Sue (Julia Spitzer) etwa zischt hinter vorgehaltener Hand böse Worte. Mutter Kate (Sigrun Fischer) ist die Meisterin der aufgesetzten Miene und spielt sich bis an den Rand der Exzentrik. Vater Joe (Rolf-Jürgen Gebert) verkörpert den Sunnyboy und hat seinem Gewissen gleich ganz abgeschworen. […] Mit seiner Inszenierung hat Regisseur Fuhrmann der psychologischen Interpretation viel Platz gegeben. Im Zentrum stehen die Beziehungen der Figuren untereinander […]. So ist eine überzeugende Aufführung entstanden, die sich sehen lassen kann.“


Jens Pittasch, Blicklicht, 5/2012

„Spätestens, als Kate, von Sigrun Fischer glaubhaft interessant gezeichnet, zwischen dem Jetzt und ihren Erinnerungen pendelt, hier nicht angekommen, dort nicht abgeschlossen, wird klar, dass zumindest ein großer Bruch sich durch die Wirklichkeit zieht. […] Besonders Rolf-Jürgen Gebert und Johanna Emil Fülle ließen mich staunen in dieser Inszenierung von Harald Fuhrmann. […] beide [kommen] im Verlauf des Abends zu einer Zeichnung ihrer Personen, die ich von ihnen so noch nie sah. […] Die Dramatik der sich offenbarenden Umstände verlangen allen viel ab, auch den Zuschauern. So wird es besonders, ganz besonders, was anfangs – wohl bewusst – Fragen hinterließ. Eine sehr geschickte, bildhafte Ausdrucksform nimmt der Wandel im Bühnenbild. Es ist eher Bühnenzauber mit an sich einfachen Mitteln, was Okarina Peter und Timo Dentler da erdacht haben. Eine Materialisierung der veränderten, zerfallenden Perspektiven – und dessen, was bleibt. Harald Fuhrmann bringt mit ‚Alle meine Söhne‘ das Stück mit einigen der bisher besten schauspielerischen Leistungen (nicht nur in dieser Spielzeit) auf unsere Bühne.“

Bildergalerie

Film

ALLE MEINE SÖHNE - Trailer.mov
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Ich mag diese tiefgründigen Produktionen, die uns die Augen öffnen, uns zum Nachdenken anregen. Es war wieder hervorragend gespielt worden. Es passte alles, auch das auseinanderbröckelnde Bühnenbild. Täglich wird uns …