Der gute Mensch von Sezuan

von Bertolt Brecht
Musik von Paul Dessau, eingerichtet durch KANTE (in der Fassung der Schaubühne Berlin)

Das Leben in der Provinz Sezuan ist hart. Einzig von den Göttern erhoffen sich die Bewohner noch Hilfe. Derer erscheinen dem Wasserverkäufer Wang gleich drei – er soll ihnen einen guten Menschen zeigen, der ihnen Unterkunft gewährt. Finden die Götter genug gute Menschen, die ein menschenwürdiges Dasein leben können, darf die Welt bleiben, wie sie ist, so der „Beschluss“. Nach langer Suche erklärt sich die Prostituierte Shen Te schließlich bereit, die unbekannten Fremden für eine Nacht aufzunehmen. Die Götter danken Shen Te ihre Güte, indem sie sie über die Maßen entlohnen, jedoch nicht, ohne sie zur Güte zu ermahnen.

Mit dem Geld der Götter kauft Shen Te einen kleinen Tabakladen. Gut wie sie ist, gewährt sie bald einer achtköpfigen Familie Obdach. Ihre große Hilfsbereitschaft wird Shen Te zunehmend zum Verhängnis, wird sie doch von ihren Mitmenschen hemmungslos ausgenutzt. In ihrer Not erfindet Shen Te schließlich den Vetter Shui Ta. Doch das als Notlösung erfundene alter ego verlangt zunehmend Raum und verdrängt die Persönlichkeit Shen Tes beinahe ganz: Je größer die Not der guten Shen Te, die von ihrem betrügerischen Liebhaber schwanger zurückgelassen wird, um so gigantischer wird Shui Tas Gewinn, der den kleinen Tabakladen zu einer expandierenden Tabakfabrik ausbaut, wobei er die Bewohner Sezuans skrupellos ausbeutet. Als Shui Ta schließlich des Mordes an seiner Kusine Shen Te beschuldigt wird, kommt es zu einer Gerichtsverhandlung, bei der Shen Te ihr wahres, doppeltes Ich zu erkennen gibt und den Göttern die Ausweglosigkeit ihrer Situation schildert. Doch werden die Götter Shen Tes Bedrängnis gelten lassen?

Erste Gedanken zum später berühmt gewordenen Parabelstück über den Kapitalismus verfasste Bertolt Brecht 1926 in einem Gedicht, das er im skandinavischen und amerikanischen Exil mit Plänen zu einem Stück über Prostitution kombinierte. Unter Verarbeitung von Motiven und Techniken des chinesischen Theaters und chinesischer Philosophie entstand schließlich das 1943 in Zürich uraufgeführte Stück DER GUTE MENSCH VON SEZUAN.

PREMIERE Samstag, 24. November 2012

Präsentiert von

Besetzung

RegieMario Holetzeck
Musikalische Leitung und EinstudierungHans Petith
BühneGundula Martin, Mario Holetzeck
KostümeUlrike Melnik
VideoHeiko Kalmbach
DramaturgieSophia Lungwitz
RegieassistenzMaria Bock
BühnenbildassistenzHans-Holger Schmidt
VideoassistenzFreya Glomb
 
Shen Te/Shui TaLaura Maria Hänsel
Die Witwe Shin/Der Hinkende/Der Polizist
Der erste Gott/Die Schwägerin/Der Arbeitslose/Der Aufseher
Wang, ein Wasserverkäufer/Der Großvater/Die Hausbesitzerin Mi TzüKai Börner
Ein Mann/Die Alte/Der dritte GottGunnar Golkowski
Ein Junge, ein stellungsloser FliegerMichael von Bennigsen
Frau Yang, Yangs Suns Mutter/Der Schreiner Lin To/Die NichteOliver Breite
Eine Frau/Der zweite Gott/Der Barbier Shu FuThomas Harms
 
Musiker Hans Petith, Dan Baron, Heiko Liebmann

Rezensionen

Uwe Stiehler, Märkische Oderzeitung, 26.11.2012

„[…] der Regisseur [Mario Holetzeck, d. Red.] hat den Blick über die Grenzen dieses Werkes hinaus gerichtet und danach gefragt, wie man diesen Dichter inszeniert, der verlangte, dass sich Publikum und Schauspieler seine Werke ‚ einverleiben‘ müssen. Also hat Mario Holetzeck bei der Cottbuser Version von ‚Der gute Mensch aus Sezuan‘ nicht nur den Text, sondern auch dessen Einverleibung dargestellt. Da hebt sich zu Anfang kein Vorhang, da ist die Bühne bereits offen, auf die die Schauspieler als fahrende Truppe bummeln, die gemeinsam mit den Musikern Hans Petith, Dan Baron und Heiko Liebmann auf der Bühne entwickeln, wer wie welche Figur spielt. Dabei verschaukeln sich die acht Darsteller gegenseitig, nerven sich, herrschen sich an, bleiben aber immer locker. […] Wie Laura Maria Hänsel zwei Charaktere in einer Person vereint, die weder ohne Mitgefühl noch ohne Berechnung sein kann, das ist große Kunst. In ihrer Figur bleibt der Tiefgang der Brecht'schen Parabel von der Unmöglichkeit des Gutseins bewahrt, mit der der Dichter an biblischen Stoffen kratzte.“


Gabriele Gorgas, Lausitzer Rundschau, 26.11.2012

„Die jüngste Inszenierung von Schauspieldirektor Mario Holetzeck macht den spielerischen Ansatz von Erfinden, Verwandeln, Fabulieren zu einem […] hinterfragenden Prinzip. Und das verträgt sich bestens mit dem so bekannten Stück von Bertolt Brecht ‚Der gute Mensch von Sezuan‘. Weil eben alles, was da an Moral, Maßlosigkeit, Gleichnis drinsteckt, den Theaterbesuchern nicht bedeutungsschwer auferlegt, sondern eher befreit und beflügelt daherkommt. […] Die Spielfassung macht Spaß, ganz offensichtlich auch den Schauspielern, hindert nicht am Denken und beschädigt keinesfalls die Geschichte. […] Die Rolle von Shen Te/Shui Ta ist mit der gerade erst mit dem Grünebaum-Preis hochgeehrten jungen Schauspielerin Laura Maria Hänsel wunderbar besetzt. Sie spielt die Nuancen der Verwandlungen mit schönster Eindringlichkeit, ist hilfreich wie auch konsequent, ohne das eine oder andere zu überzeichnen. Wenn sie singt (und da bekommt selbst die Musik von Paul Dessau, eingerichtet durch ‚Kante‘, noch Struktur), wirken die Worte wie im Moment entstehende Gedanken, hat man das Gefühl, die Theaterbesucher würden den Atem anhalten. […] Die zweite und ebenso markante Frau im Spiel […] ist Heidrun Bartholomäus als Witwe Shin, die zudem auch noch als Hinkender und Polizist auftritt. Dass sie ebenso mit der Stimme bestens auf sich aufmerksam machen kann, weiß man schon längst und nun wieder. Und spürt auch, welche Kraft in diesen Frauen steckt. […] Aber die anderen [Spieler, d. Red.] in ihren unverwechselbaren Eigenarten möchte man natürlich auch nicht missen. Das Publikum hatte ganz offenbar viel Freude daran.“


Jens Pittasch, Blicklicht, Januar 2013

Ganz am Anfang steht Kai Börner. Er hat nicht nur die Aufgabe, das Stück zu eröffnen – auch in jeder seiner drei anderen Rollen besticht er an diesem Abend und bringt uns Brechtsche Lichtblicke. […] Das Göttertrio, ob als Videoeinspieler oder auf der Bühne, überzeugt mit Biss, Witz und besonderem Charme gegenüber uns Menschlein. […] Mario Holetzeck [entschied sich, d. Red.] für eine gänzlich offene Fassung, in der die Rollen auch einmal verlassen werden können, gar er selbst mitten im Stück angesprochen wird, das Publikum sehr eng einbezogen ist, ein echter Texthänger wirkt, wie inszeniert und die Inszenierung wie Improvisation. […] Das alles funktioniert wunderbar, ist sehens- und erlebenswert, ist große Schauspielkunst, ist Theater.“ 

Bildergalerie

Film

DER GUTE MENSCH VON SEZUAN am Staatstheater Cottbus

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