Der Laden (Erster Abend)

von Erwin Strittmatter
ERSTER ABEND
Theaterfassung von Holger Teschke
Regiefassung von Mario Holetzeck und Bettina Jantzen
URAUFFÜHRUNG

Esau Matts Erinnerungswelten sind gezeichnet von der Niederlausitzer Heidelandschaft, duften nach Brot aus der elterlichen Backstube, senden einen scharfen Windzug vom Rohrstock aus der Dorfschule und flirren vom Hauch des ersten Kusses. Der erwachsene Mann und Schriftsteller Esau taucht in Erlebnisse seiner Kinder- und Jugendzeit ein. Er sucht Selbsterkenntnis, er will verstehen, wie er wurde, was er zu sein scheint. Seine Eltern betreiben mit Kredit der Großeltern in dem kleinen Dorf Bossdom eine Bäckerei mit Kolonialwarenladen – und mittendrin ist der Junge Esau. Mutters und Vaters Ringen um die Existenz fordert Geschäftsgeist und klugen Umgang mit Geld. Aber es funken ihre Sehnsüchte nach der großen Welt und dem großen Glück dazwischen. Und so landen verhinderte Seiltänzerinnen und Gentlemen hart auf dem sandigen Bossdomer Boden. Auf dem gibt es Ärger mit Behörden und bitteren Streit mit den Großeltern um Schulden und fehlgeschlagene Geschäfte, um illegale Überlebenstricks und erotische Versuchungen. Als junger Mann macht Esau seine ersten sexuellen Erfahrungen und startet dichterische Versuche. In Bossdom und in der Kleinstadt Grodk, wo er die hohe Schule besucht, erfährt er, wie die große Politik auf das Leben der kleinen Leute einwirkt. Zwischen „Weltkrieg römisch eins“, den folgenden Wirtschaftskrisen und den Vorboten einer Welt, die ihn in den „Weltkrieg römisch zwei“ führt, muss Esau seinen eigenen Weg finden.   

Unter der Regie von Mario Holetzeck bringt das Staatstheater Cottbus zwei Theaterabende nach Erwin Strittmatters DER LADEN zur Uraufführung. Autor Holger Teschke konzentriert sich im Ersten Abend auf Motive des 1. und 2. Teils der Romantrilogie. Nach der Premiere im Juni 2012 folgen im Herbst weitere Veranstaltungen, die sich mit dem geliebten und umstrittenen Schriftsteller auseinandersetzen.

PREMIERE Samstag, 9. Juni 2012

Besetzung

RegieMario Holetzeck
BühneGundula Martin
KostümeSusanne Suhr
MusikHans Petith
ChoreographieAnnaLisa Canton
DramaturgieBettina Jantzen
RegieassistenzAnniki Nugis
 
Esau MattOliver Breite
Helene MattSusann Thiede
Heinrich MattAmadeus Gollner
Marga MattElisabeth Görz
Magdalena Kulka
Matthäus Kulka
PhileThomas Harms
Heinjak und TinkoJohannes Wingrich, Daniel Wingrich
HankaJohanna-Julia Spitzer
Gustav Sastupeit
Lehrer RumposchKai Börner
Bergarbeiter RakelGunnar Golkowski
Baron von LeeßenGunnar Golkowski
Herr SchneiderOliver Seidel
 
Lehrer HeierOliver Seidel
Frede WorreschkOliver Seidel
Wullo Kanin
Dr. ApfelkornGunnar Golkowski
Ilonka SpadiAriadne Pabst
PostinspektorThomas Harms
GymnasiastinnenLaura Maria Hänsel,
 
Bossdomer Chor Ensemble
Bergleute, Monteure, Gymnasiasten Herren der Statisterie
 
Musiker Susanne Paul, Dietrich Petzold, Lu Schulz

Rezensionen

Gunnar Decker, Neues Deutschland, 12.6.2012

„Einem Kunstwerk ähnlich ist dieser erste von zwei ‚Laden‘-Abenden (der zweite hat im September Premiere) durchaus geworden. Sorgsam und mit Liebe zu Detail gearbeitet – fast dreieinhalb Stunden lang. […] Dem epischen Weg bloß in die Breite tritt hier bereits die Bühne von Gundula Martin entgegen, die immer wieder versucht, den drohenden Naturalismus der Erzählung mit einem bewusst artifiziellen Gegenpol zu kontrastieren. Schön ist die Idee der Bilderrahmen zusammen mit verfremdenden Beleuchtungen, die deutlich machen: Hier baut sich etwas auf in uns, das uns mit Gegenwärtigkeit bedrängt, aber doch nicht mehr in unserer Hand liegt – alle Entscheidungen sind längst getroffen oder nicht getroffen, alles gesagt oder verschwiegen. Und dennoch ist es mehr als bloß ein Rückblick, was uns der Ich-Erzähler Esau Matt hier aus seinem Leben zu erzählen hat: es sind Sinnbilder, die sich immer wieder auch zu mythischen Urbildern verdichten, zu höchst intimen Zeit-Chiffren.“


Rainer Kasselt, Sächsische Zeitung, 11.6.2012

„Den philosophischen Monologen setzt die Regie ein buntes Treiben mit viel Gesang und sketchartigen Szenen gegenüber. Manchmal traut man seinen Augen nicht, wenn auf der sich nach hinten öffnenden Bühne (Gundula Martin) ein Schimmel auftaucht oder ein Motorrad seine Runden dreht. Die Figuren werden als Typen gezeichnet, aber nicht karikiert. Esaus Mutter (Susann Thiede) schaukelt mit Geschick den Laden, fällt bei Konflikten mit geübtem Schwung in Ohnmacht. Sie wollte Seiltänzerin werden und meistert den Seiltanz des Lebens. Das Cottbusser Ensemble agiert wie aus einem Guss. Die sangesfreudige Anderthalbmeter-Großmutter hat ihr Ohr immer am falschen Fleck, der dicke Lehrer hält den Rohrstock für das ‚wichtigste Element der Erziehung‘. Esaus Vater grapscht nach dem Kindermädchen und schmachtet die Gattin im Sängerwettstreit an: ‚Dein ist mein ganzes Herz‘. Onkel Phile, der nach dem Krieg einen Knacks im Kopf hat, bläst Tuba und geht jeder Arbeit aus dem Weg. Vertreter Schneider öffnet seinen Musterkoffer und verkauft der verliebten Mutter Rosenstrumpfbänder. Und Gymnasiast Wullo schwärmt in Nibelungentreue vom künftigen ‚Führer‘. […] Die Inszenierung hat das Zeug zum Publikumsrenner, man darf gespannt auf den zweiten Teil sein.“


Tomas Petzold, Dresdner Neueste Nachrichten, 12.6.2012

„Ganz unaufdringlich und ohne Anflug von Überlegenheit nimmt Breite seine Position unter den kindlichen Darstellern ein (Elisabeth Görz, Johannes und Daniel Wingrich, unter der ständig den Rohrstock schwingenden Fuchtel des Lehrers Rumposch). Auch wenn er Zeugnisse des werdenden Dichters ablegt und immer ‚mehr hinter den Dinge sehen‘ möchte. Je weniger sich dieser Esau in den Vordergrund spielt, umso mehr gelingt das, werden die vielen Figuren des Dorfpanoramas lebendig. Aufgrund des epischen, anekdotischen Erzählens braucht das seine Zeit, doch dann entwickeln sie sich alle zu unverwechselbaren, in ihrer Tragik und Komik doch sympathischen Originalen. Holetzeck setzt nicht auf dramatische Akzente, die ohnehin kaum vorhanden sind, sondern auf genaue Figurenzeichnung, nahe am Text und glaubhaft im Dialekt, wobei er sich auf das hoch motivierte Ensemble verlassen kann. […] Wer war ich, wer bin ich, das waren die wichtigsten Fragen am Ende für Esau-Erwin ebenso wie etwa für eine Christa Wolf. Wenn Theater etwas beitragen will zur Bestimmung von, zur Gewissheit über Identität, dann darf es bei seinem Publikum nicht gleich deren Unerbittlichkeit einfordern, sondern durchaus auch ein paar Brücken bauen. Das Premierenpublikum jedenfalls hat das Angebot sehr dankbar aufgenommen.“


Links zu weiteren Rezensionen

Die Deutsche Bühne

http://www.die-deutsche-buehne.de/Kurzkritiken/Schauspiel/Strittmatter+Laden/Grosser+Wurf

rbb Video-Beitrag Brandenburg Aktuell

http://www.rbb-online.de/nachrichten/kultur/2012_06/strittmatters__laden.html

Berliner Zeitung

http://www.berliner-zeitung.de/kultur/theaterkritik-der-suesse-kussgeschmack-von-frueher,10809150,16354318.html

Märkische Oderzeitung

http://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1024507/

Lausitzer Rundschau

http://www.lr-online.de/kultur/Wer-bin-ich-und-Warum-bin-ich-wieder-hier;art1073,3828478

Märkische Allgemeine Zeitung

http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/12342140/63369/Im-Cottbuser-Staatstheater-ist-nun-Erwin-Strittmatters-Der.html

rbb Inforadio

http://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/kultur/201206/174320.html

rbb Kulturradio

http://www.kulturradio.de/rezensionen/buehne/2012/staatstheater_cottbus2.html

nachtkritik

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=7019:der-laden-nerster-teil-der-dramatisierung-von-erwin-strittmatters-roman-in-cottbus-uraufgefuehrt&catid=38:die-nachtkritik&Itemid=40

Bildergalerie

Film

Staatstheater Cottbus: Der Laden

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