Der Laden (Zweiter Abend)

von Erwin Strittmatter
ZWEITER ABEND
Theaterfassung von Holger Teschke
Regiefassung Mario Holetzeck | Mitarbeit: Bettina Jantzen
URAUFFÜHRUNG 

Regisseur Mario Holetzeck setzt mit seinem Schauspielensemble das mit großer Resonanz begonnene Uraufführungsprojekt nach Erwin Strittmatters DER LADEN fort und verarbeitet im ZWEITEN ABEND Motive aus dem dritten Teil der Romantrilogie.

Der ehemalige Gebirgsjäger Esau Matt kehrt 1945 in sein Niederlausitzer Heimatdorf Bossdom zurück. Er versucht, seine Kriegsvergangenheit hinter sich zu lassen und mit dem Neuanfang seinen Traum zu verwirklichen: Er will Schriftsteller werden. Das Dorf ist jetzt von den Russen besetzt und im elterlichen Laden gibt es Brot auf Marken. Esau steht in der Backstube, um das Liefersoll der russischen Kommandantur zu erfüllen. Später vertritt er den Amtsvorsteher und wird mit politischen Widersprüchen konfrontiert. Im Überlebenskampf der Nachkriegszeit verschärfen sich auch in der Familie die Auseinandersetzungen. Aus Eifersucht und Neid gibt es Streit mit Schwägerin Elvira und Bruder Tinko. Esau verliebt sich in die Gemeindeschwester Christina. Aber als seine Kriegsbekanntschaft Nona mit ihrem gemeinsamen Sohn zu ihm zieht, muss er sich dieser Verantwortung stellen. Er aber will eigentlich nur eines, endlich seinen Romanhelden zum Leben verhelfen. 

Immer wieder fragt die Inszenierung danach, welche Vergangenheit Esau Matt – das Alter Ego Erwin Strittmatters – in diesen widersprüchlichen Nachkriegszeiten zu verschweigen sucht und welchen Erinnerungen er sich nicht zu stellen vermag. Das Theater spannt einen Bogen zwischen dem literarischen Werk und der realen Biographie des Autors. Esaus Geschichte wird zur Metapher für eine Vielzahl von Nachkriegsbiographien und für den Versuch, eigenes schuldhaftes Tun während des NS-Regimes zu verdrängen.

PREMIERE Samstag, 22. September 2012

Präsentiert von

Besetzung

RegieMario Holetzeck
BühneGundula Martin
KostümeSusanne Suhr
MusikHans Petith
DramaturgieBettina Jantzen
RegieassistenzMaria Bock
 
Esau MattOliver Breite
Helene MattSusann Thiede
Heinrich MattAmadeus Gollner
Magdalena Kulka
Matthäus Kulka
Tinko MattMichael von Bennigsen
ElviraLaura Maria Hänsel, Sigrun Fischer
ChristineKristin Muthwill
NonaCorinna Breite
Esaus SohnJohannes Wingrich
Engelbert WeinrichRolf-Jürgen Gebert, Daniel Borgwardt
Erich SchinkoKai Börner
Sowjetischer KommandantGunnar Golkowski
Jeremias KonskyOliver Seidel
Alfredko Sastupeit
Edwin SchupankThomas Harms
UmsiedlerinCorinna Breite
 
Musiker Dietrich Petzold, Lu Schulz, Sonny Thet
 
Bossdomer Chor Ensemble
Soldaten, Dorfbewohner Herren der Statisterie

Rezensionen

Rainer Kasselt, Sächsische Zeitung, 24.9.2012

„[…] Regisseur Holetzeck [beweist, d. Red.] auch am zweiten Abend seinen Sinn für sensible wie skurrile, leise wie deftige Szenen, in denen der Humor und die Musik nicht zu kurz kommen. Das Ensemble zeigt eine geschlossene Leistung, besonders beeindrucken die Schauspielerinnen. Die Anderthalbmeter-Großmutter (Heidrun Bartholomäus) ist eine herrliche Volksfigur: wundersam, weichherzig und weise. Esaus Mutter Helene Matt (Susann Thiede) versucht mit allen Mitteln, die zerstrittene Familie zusammenzuhalten und will ihren Laden nicht an den Konsum verlieren. Esaus schöne Schwägerin Elvira (Laura Maria Hänsel) ist scharf auf den ausgehungerten Kriegsheimkehrer, streckt sich mit untrüglichem Sinn nach der richtigen Decke.“


Frank Dietschreit, Märkische Allgemeine, 25.9.2012

„Es werden einzelne Roman-Motive aufgegriffen und vertieft: im Zentrum steht Esaus Weg vom Sohn armer Ladenbesitzer zum Schriftsteller. Immer wieder sagt er Sätze wie: ‚Ich muss schreiben‘, ‚Ich fühle mich wie Gott, der mit Wörtern Menschen erschafft‘. Ob er sich an die sozialistischen Verhältnisse anpasst, sich bei den sowjetischen Besatzern anbiedert, sich von Frau und Kind trennt, alles dient nur dem einen Zweck: den Kopf fürs Schreiben frei zu bekommen. Auch hier bezieht die Inszenierung klar Position: Der mit der Schreibmaschine kämpfende Esau wird als ein Autor gezeichnet, der Fantasiewelten erschafft, um seine Schuld zu vergessen. In Oliver Breite hat die Inszenierung einen überragenden Mimen, der alle lauten Töne und stillen Momente beherrscht, das Lebensdrama eines Künstlers offen legt, der vielleicht ein böser Mensch, aber doch ein guter Schriftsteller war und seine Kraft damit vergeudete, sich selbst und andere zu belügen. Ein emotional aufwühlender und intellektuell anregender ‚Zweiter Abend‘.“
Die vollständige Kritik finden Sie auf der Homepage der Märkischen Allgemeinen Zeitung.


Uwe Stiehler, Märkische Oderzeitung, 25.9.2012

„Wo warst du im Krieg, Esau? Was hast du getan? Drei Stunden windet sich die Figur, die Strittmatter für die Entwicklung der eigenen Legende nutzte, unter dem Trommelfeuer dieser Fragen. Auf diese Weise verabschiedet sich der Cottbuser ‚Laden‘ davon, nur die theatralische Fassung eines wegen seiner verschachtelten Erzählweise anstrengend zu lesenden und schwer zu inszenierenden Romans zu sein. Und befragt das Werden nicht nur eines Schriftstellers, sondern der Gesellschaft, in die er sich hineingeworfen fühlt – konsequenter als Strittmatter das tat. Er hatte dem dritten Teil seines „Ladens“ eine Widmung an die Wahrheit vorangestellt und sich doch so sehr im Gestrüpp aus Vereinfachungen, Verschweigen, Verharmlosungen und Ausflüchten verfangen, dass er an seine eigene Wahrheit nicht mehr herankam. Das jedenfalls vermutet Anette Leo, deren gerade erschienene, viel diskutierte Strittmatter-Biografie Holger Teschke (Theaterfassung) und Mario Holetzeck (Regie und Regiefassung) für ihre Laden-Bearbeitungen heranzogen. Sie konfrontieren Esau mit euphorischen Briefen, die Strittmatter von seinen Kriegseinsätzen geschrieben hatte. Da bleibt nicht mehr viel übrig von der Legende, Strittmatter sei im Krieg eine Art Pazifist in Uniform gewesen.“
Die vollständige Kritik finden Sie auf der Homepage der Märkischen Oderzeitung.


Renate Kulick-Aldag, Cottbuser Wochenkurier, 26.9.2012

„Oliver Breite, der den Esau Matt spielt, liefert eine großartige schauspielerische Leistung. Susann Thiede als seine Mutter und Heidrun Bartholomäus als seine Großmutter sind die Lieblinge des Publikums, wenn sie in breitem Dialekt für Lacher sorgen. Aber auch alle anderen Schauspieler sind überzeugend und stimmig. Kostüme, Bühnenbild und musikalische Begleitung, alles passt und macht diesen Abend zu einem wunderbaren Erlebnis, das Verständnis weckt für Erwin Strittmatter, den Lausitzer Dichter, den man nicht lieben muss, aber nach diesem Abend besser verstehen kann.“

Bildergalerie

Film

Staatstheater: Der Laden zweiter Abend

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