Der Schimmelreiter

von Theodor Storm
Bühnenfassung von John von Düffel

Bis Hauke Haien sich als Deichgraf und „Schimmelreiter" den anstürmenden Fluten entgegenstellen kann, gehen einige Jahre ins Land. Es ist ein raues Land, das vom Kampf gegen das Meer geprägt ist. In einem kleinen Dorf beäugen die Bewohner misstrauisch den Emporkömmling. Denn nichts anderes sehen sie in Hauke Haien, dem fleißigen Selfmade-man, der sich das notwendige Wissen über modernen Deichbau selbst beigebracht hat. Als Knecht diente er seinerzeit beim alten Deichgrafen. Als dieser stirbt, heiratet Hauke Haien dessen Tochter Elke, seine langjährige Liebe. Der Mittellose erwirbt dadurch genug Land, um seine ehrgeizigen Pläne als Deichgraf zu verwirklichen und den alten Deich zu erneuern. Doch die Dorfbewohner sind träge und abergläubisch. Als er auch noch dem „Schimmelreiter", den die Bewohner als immer wiederkehrendes und Unheil verkündendes Wesen deuten, das Pferd abkauft, sehen sie darin ein schlechtes Vorzeichen. Je weniger Unterstützung er von der Dorfgemeinschaft erfährt, desto mehr beharrt Hauke Haien auf seinem Kampf für das „allgemeine Wohl" und verliert dabei jedes menschliche Maß. Der Schimmelreiter ist Theodor Storms bekannteste Dichtung und gehört zu den meist gelesenen deutschen Novellen. Sie ist einerseits eine außergewöhnliche Liebesgeschichte und spiegelt andererseits den verbissenen und rücksichtslosen Versuch, sich die Natur untertan zu machen. Sich im eigenen „Missionarseifer" zu radikalisieren und die Gemeinschaft dabei nicht mit auf den gemeinsamen Weg zu nehmen, ist auch heutzutage von erstaunlicher Aktualität.

PREMIERE Samstag, 28. November 2009

Präsentiert von

Besetzung

RegieMario Holetzeck
BühneGundula Martin
KostümeSusanne Suhr
Musik und musik. EinstudierungHans Petith
DramaturgieGuido Neubert
RegieassistenzAnniki Nugis
Hauke HaienKai Börner
Elke VolkertsJohanna Emil Fülle
Tede Volkerts/Jawe MannersMichael Krieg-Helbig
Ole PetersJan Hasenfuß
Iven JohnsThomas Harms
CarstenOliver Seidel
Trin JansSusann Thiede
Vollina HardersLaura Maria Hänsel
ApokalypseLara Brewing
CelloSusanne Paul
PercussionTobi Dutschke
AkkordeonVolker Schindel

Rezensionen

Martin Stefke, Märkische Allgemeine, 5./6.12.2009

„Brachialgewaltig stürmend bis poetisch kommt die für das Niederlausitzer Haus veränderte Düffelsche Fassung auf dem Bühnendeich von Gundula Martin daher, mit Wasser, Nebel und Wind.
Die Leistungen der Hauptdarsteller sind überragend. Kai Börner überrascht als Hauke Haien. [...] Bei ihm ist Hauke Haien ein echter Mensch, ein Mann, der das Leben zu gestalten sucht, und doch voller Zweifel steckt. Mal zeigt Börner aufbrausend Leidenschaft, mal wirkt er verlegen bis verklemmt. So kann der künftige Deichgraf sowohl glaubhaft um seine Sache kämpfen, als auch ein fürsorglicher, die Schwere des Daseins vergessender Vater sein.
An Johanna Emil Fülle als Elke Volkerts scheint anfangs wahrhaftig ein Junge verloren zu sein. Burschikos zupackend, findet sie bald Gefallen am grübelnd-geistvollen Hauke. Wenn Johanna Emil Fülle auftritt, herrscht immense Spannung, auch ohne Worte. [...]"


Hartmut Krug, www.nachtkritik.de, 28.11.2009

„Holetzeck baut große, eindeutige Arrangements und schafft mit wunderbarer Lichtregie eine atmosphärische Bildhaftigkeit. Wenn die Menschen zu Beginn mit Sandsäcken gegen die Flut kämpfen, dann dröhnt elektronisch verstärkte Live-Musik eines Cello/Schlagwerk/Akkordeon-Trios, und die Winde mächtiger Propeller schleudern die Menschen immer wieder die überflutete Schräge hinab. [...]
Kai Börner spielt einen ganz in sein Denken eingesponnenen, für seine Sache eloquenten Hauke, der, wenn er beim Deichgrafen als Knecht angenommen wird, sich dessen Tochter mit zarter Ungeschicklichkeit nähert. Johanna Emil Fülle spielt diese Elke mit so schöner, verhaltener Selbstsicherheit und lässt ihre Figur in schüchterner Annäherung aufblühen, dass die von Haukes Unbedingtheit, mit der sich dieser seiner Deichbau-Leidenschaft hingibt, bedrohte Liebe zwischen den beiden mit ins Zentrum des Abends rückt. [...] Holetzeck zeigt Theater als große, bildhafte Erzählung, als Menetekel-Spektakel.


Jürgen Heinrich, Der Märkische Bote, 12.12.2009

„Mario Holetzeck hat ein unglaublich komplexes Bühnenwerk geschaffen, in dem Texte und tosende Stürme verschmelzen, in dem dröhnende Technik und übersteuertes Schlagwerk, Cello und Klavier zu mysteriös menschengemachter Naturbedrohnis verschmelzen. Ganz einfach hingegen, wie hilflos, sind die Figuren gezeichnet. Schlichte Menschen frei von Pathos, naiv und manchmal dreist die Dörfler, weltvergessen unfähig der Mächtige, egozentrisch der erfinderische Held. Es sind Charaktere aus dem Heute, sie sind überfordert von Normalem: Sturm, Wind, Gesetz, Moral. [...] Geniale Bilder baut Holetzeck zwischen Priel und Koog von Gundula Martin (spektakulär!), so die irgendwie jenseitige Figur der Apokalypse der kleinen Lara Brewing oder das Schiffchenspiel des alten Volkerts von Michael Krieg-Helbig. Deftige Volkstypen beharren auf Gewohnheitsrecht. Neue Deiche? Spinnerei! Manchmal ist das atemberaubend. Es gibt viel Beifall, Bilder bleiben haften."


Christoph A. Brandner, Fuldaer Zeitung, 25.2.2011

„Mit einer technisch aufwändigen, inszenatorisch mutigen und darstellerisch beklemmenden Produktion von Theodor Storms »Der Schimmelreiter« in der Bühnenfassung John van Düffels beeindruckte das Staatstheater Cottbus am Donnerstagabend im Fuldaer Schlosstheater. […] Während der fast zweistündigen, pausenlosen Aufführung gelingt es dem Regisseur, in ‚knappen, poetischen Bildern einen unheimlichen Kosmos entstehen‘ zu lassen, wozu der Sound von drei Musikern, Donnerschall und Windgebraus beitragen. Bedrohung signalisiert auch die Dorfgemeinschaft, die sich mitunter zu einem Chor zusammenrottet. Er entfaltet seine Wirkung vor allem in der apokalyptischen Schlussszene, in der van Düffel und Holetzeck den genialen Text szenisch intensiv umsetzen: Masse gegen Individuum.“

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Mal ehrlich, ich bin da ziemlich abgebremst rein gestern Abend (Der Schimmelreiter am 24.10.2010 - Anm. d. Admin.). Aber dann kam gleich am Anfang die Apokalypse und den möcht‘ ich …