Im Rücken die Stadt

Schauspiel von Thomas Freyer

Ina studiert in der Metropole. Zum Geburtstag ihres Großvaters kommt sie für einen kurzen Besuch in ihre Heimatstadt. Hier sind Arbeit und Perspektiven rar geworden und die meisten Menschen mussten in den zwei Jahrzehnten nach der Deutschen Einheit ihr Leben völlig neu entwerfen. Inas Vater ist vor zwei Jahren gestorben und ihre Mutter Ingrid versucht sich als Versicherungsmaklerin über Wasser zu halten. Aber dass sie sich so entschieden mit dem gesellschaftlichen System arrangiert, löst in der Familie heftige Kritik aus. Ina will begreifen, welche Ideale ihre Eltern und Großeltern geprägt haben, und sucht dabei selbst verzweifelt nach einem haltbaren Lebensentwurf. Einen ganz anderen Weg geht ihr Ex-Freund Daniel, der sich den Mechanismen des Kapitalismus entziehen und nach seinen eigenen Werten leben will. Doch Daniel gerät in Konflikt mit dem Investor Heiko, der dabei ist, in der Stadt einen großen Freizeitpark zu bauen. Der Autor Thomas Freyer, 1981 in Gera geboren, reflektiert in seinem Text gegenwärtige Lebenssituationen verschiedener Generationen. Er entblättert einen vielschichtigen Konfliktstoff und erzählt von jungen Menschen, die jeweils auf eigene Weise nach individuellen Perspektiven suchen. Zugleich rückt er eine Erwachsenengeneration ins Blickfeld, die sich in einer gnadenlosen Lebens- und Arbeitswelt behaupten muss. Bei alldem wird danach gefragt, wie viel biografisches Gepäck nützlich ist, und wo Menschen heute ihre Verwurzelung, ihre Heimat, finden.

PREMIERE Samstag, 25. September 2010

Präsentiert von

Besetzung

RegieHarald Fuhrmann
AusstattungOkarina Peter, Timo Dentler
DramaturgieBettina Jantzen
Regieassistenz
InaLaura Maria Hänsel, Ariadne Pabst
IngridSigrun Fischer
DanielJan Hasenfuß
HeikoRolf-Jürgen Gebert
Herren aus der NachbarschaftGunnar Golkowski, Berndt Stichler

Rezensionen

Hartmut Krug, Lausitzer Rundschau, 27.9.2010

„Sie (die junge Studentin Ina, d. Red.) kommt wegen des Geburtstages ihres Großvaters zu einem Kurzbesuch zurück in ihre Heimatstadt. Sie ist eine Sucherin, die sich und andere befragt: nach gelebtem und gegenwärtigem Leben, nach gehabten Meinungen und Haltungen, nach heutigen Einstellungen und Lebenssinn. [...] Das Wunderbare an Freyers Stück ist nun, das es keine Klischeefragen und keine klaren Antworten liefert, sondern mit allen Figuren eine offene Such- und Fragebewegung vollführt. [...] Regisseur Harald Fuhrmann versteht es gut, den ständigen Wechsel zwischen den fünf Podesten und damit zwischen den unterschiedlichen Figuren und Haltungen nicht mechanisch, sondern sehr spannungs- und kontrastreich erscheinen zu lassen. Weil hier jede Figurenkonstellation genau, konzis und konzentriert ausgearbeitet ist, weil die Schauspieler mit enormer und entspannter Energie spielen, und weil sie die Lieder, die jeder von ihnen als Ausdruck seines Lebensgefühls singen darf, individuell gestalten. Selbst der dreiköpfige Chor der Nachbarn, der manch vergangenheitsselig Unreflektiertes und machohaft (ehe)frauenfeindlich Dummes sagt, bekommt durch die Darstellung Differenziertheit und sinnliche Glaubhaftigkeit. [...] So wie bei dieser Inszenierung Theater zum öffentlichen Ort einer Selbstbefragung und Selbstvergewisserung für das Publikum wird, indem es dieses zugleich intellektuell fordert wie sinnlich bedient, indem es unsere Fragen stellt, die wir selbst beantworten müssen, so muss es sein, wenn Theater mehr als nur unterhaltende Ablenkung sein soll. Thomas Freyers „Im Rücken die Stadt" ist in der Cottbusser Inszenierung von Harald Fuhrmann mit seinem tollen Ensemble ein überzeugendes Beispiel für zugleich unterhaltendes wie politisches und zeitgenössisches Theater."


Martin Stefke, Märkische Allgemeine, 16.10.2010

„Diesen Abend sollte man nicht verpassen. Zum einen, weil es im Stück ‚Im Rücken die Stadt' des 1981 in Gera geborenen Autors Thomas Freyer um ein sehr gegenwärtiges Thema geht - das Leben in den schrumpfenden Städten. Zum anderen, weil Harald Fuhrmann mit seiner Inszenierung der in Berlin uraufgeführten Vorlage eine konzentrierte und schlüssige Aufführung auf die Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus gebracht hat. ‚Im Rücken die Stadt' ist [...] kein Stück über die DDR. Es gibt zwar eine Szene, in der Ina ihren Opa wegen seiner DDR-Vergangenheit zur Rede stellen will. Auch die Systemtreue des Vaters wird thematisiert. Doch solche Motive bilden nur den Hintergrund, die Folie, vor der sich Autor, Regisseur und auch die Darsteller mit der Gegenwart befassen. Hier stellen sie Fragen, erkunden die Heimat, die Ina verlassen hat, um in der Großstadt zu studieren. Sie erzählen vom Fortgehen oder Bleiben, von Menschen, die ihr Glück suchen, die untergehen oder sich behaupten in einer Region, in der Arbeit und Geld knappe Güter sind. Auch die Menschen selbst werden weniger. [...] Am Ende bleibt vieles offen. Doch gerade das macht neben der genauen Darstellung sehr heutiger Figuren die Qualität dieses Abends aus. Im Raum von Okarina Peter und Timo Dentler - die Bühne besteht einzig aus fünf schwarzen Podesten unterschiedlicher Höhe, die durch Gänge voneinander getrennt sind - entwickelt das Ensemble ein spannendes Mosaik des Lebens der Provinz."

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