Unschuld

Schauspiel von Dea Loher

Die in Berlin lebende Dea Loher zählt zu den wichtigsten und weltweit meistgespielten Dramatikerinnen unserer Zeit. Ihr Werk wurde bisher mit zahlreichen Preisen geehrt und in über 15 Sprachen übersetzt. In ihrem 2003 am Thalia Theater Hamburg uraufgeführten Stück UNSCHULD schildert Dea Loher mit sprachlichem Feingefühl, hoher Emotionalität und subtilem Humor ein Beziehungsgeflecht von skurrilen Figuren am Rand der Gesellschaft, die durch existenzielle Lebenserfahrungen geprägt sind, dem Glück skeptisch gegenüberstehen und das Leben gleichzeitig kompromisslos lieben:

Am Strand einer europäischen Hafenstadt beobachten die beiden illegalen Immigranten Elisio und Fadoul, wie eine unbekannte Frau sorgsam ihre Kleider zusammenlegt und im Meer verschwindet. Während Elisio die Ertrinkende retten will, zögert Fadoul aus Angst vor den unvermeidbaren Konsequenzen. Streitend und untätig sehen die beiden Freunde, die aus der Wüste kommen und nicht schwimmen können, bei dem Selbstmord zu. Elisio bereitet seine Schuld schlaflose Nächte. Fadoul hingegen findet eine Tüte voll Geld, in der er Gott zu erkennen glaubt, und damit eine neue Lebensaufgabe: Er verliebt sich in eine blinde junge Frau, die im „Blauen Planeten“ strippt, und will sie heilen.

Währenddessen bittet Frau Habersatt Opfer von Gewaltverbrechen um Vergebung für Taten, die sie gar nicht begangen hat, und der Arbeitslose Franz findet Erfüllung in der Tätigkeit eines Leichenwäschers. Rosa, seine Frau, wünscht sich sehnlichst ein Kind von ihm, doch Frau Zucker, ihre zuckerkranke Mutter, dreht den Fluss des Lebens einfach um: Sie nistet sich an Kindes statt im bescheidenen Heim der Tochter ein und kostet genüsslich ihre langsam fortschreitende Krankheit aus, während sie sich von Rosa bemuttern lässt. Und Ella, eine alternde Philosophin, die ihre Schriften vernichtet hat, verheddert sich zunehmend im Netz der eigenen Lebenstheorien, an die sie selbst beinahe ihren letzten Glauben verliert. 

PREMIERE Samstag, 27. Februar 2016

Präsentiert von

Besetzung

RegieWulf Twiehaus
Musikalische LeitungHans Petith
BühneKatrin Hieronimus
KostümeKatharina Beth
DramaturgieSophia Lungwitz
RegieassistenzMaria Bock
 
Elisio, illegaler schwarzer ImmigrantMax Hemmersdorfer
Fadoul, illegaler schwarzer ImmigrantZeljko Marovic
Absolut, eine junge blinde FrauLucie Thiede
Frau Habersatt, eine AlleinstehendeSusann Thiede
Franz, ein Versorger von VerstorbenenAmadeus Gollner
Rosa, seine FrauJohanna-Julia Spitzer
Frau Zucker, deren Mutter
Ella, eine alternde PhilosophinSigrun Fischer
Helmut, ihr MannThomas Mietk, Roger Beständig
Mutter eines getöteten Mädchens/Eine Selbstmörderin/Eine Ärztin/Eine tote SelbstmörderinAriadne Pabst
Vater eines getöteten Mädchens/Ein toter Selbstmörder/Chor der AutofahrerThomas Harms

Rezensionen

Renate Marschall, Lausitzer Rundschau, 29.2.2016

„[…] Die Figuren sitzen jede in einer anderen Ecke eines großen Wartesaals, der Hoffnung heißt (sehr stimmiges Bühnenbild von Katrin Hieronimus). Draußen ziehen die Tage vorüber, drinnen passiert fast nichts. Alle Versuche einer Interaktion prallen an der Unfähigkeit der anderen ab, ihre eigene Welt zu öffnen. […]

Johanna-Julia Spitzer (als Gast) und Amadeus Gollner zeichnen eindrucksvoll die Studie zweier Menschen, die sich immer weiter voneinander entfernen, in sich zurücksinken. Sehr erfrischend zwischen beiden ist Rosas Mutter, der der Zucker zwar zuerst den Zeh, dann den Fuß raubt, die Lebensgeister aber nicht. […] Heidrun Bartholomäus in kurzen, aber eindrucksvollen Sequenzen. […]

Susann Thiede zeigt sie [Frau Habersatt, d. Red.] als eine in ihren Stimmungen schwankende, sich subtil ins Leben anderer drängende Frau. So kreuzt die Habersatt auch bei den Eltern eines ermordeten Mädchens auf. Ariadne Pabst und Rolf-Jürgen Gebert zeigen sie zwischen Schmerz und Mitleid zerrissen.

Für Elisio und Fadoul, zwei illegale Flüchtlinge, die froh sind, das Morden in der Heimat und das bedrohliche Meer überlebt zu haben, ist diese Welt fremd. […] An der Bushaltestelle lernt er [Fadoul, d. Red.] das blinde Mädchen Absolut kennen, Stripptänzerin in einem Nachtlokal. Sieht er schon diese Liebe als ein großes Glück an, wähnt er den Fund einer immensen Geldsumme als göttliche Fügung. Nun kann er Absolut die Augenoperation bezahlen. Als die misslingt, scheint das Mädchen fast froh darüber zu sein, in ihr altes Leben zurückkehren zu können, während Fadoul das nicht akzeptieren will. […] Das ist beeindruckend von den drei jungen Schauspielern Lucie Thiede sowie Max Hemmersdorfer (Elisio) und Željko Marović (Fadoul) gespielt. Gäste, die man gern wiedersehen würde.

Regisseur Wulf Twiehaus verknüpft die Figuren – insgesamt sind es 17 – im Laufe des Spiels immer engmaschiger, schafft so ein Gesellschaftspanorama. […] Jeder stirbt für sich allein, scheint eine vielfach akzeptierte Devise zu sein. Wer trägt die Schuld? Alle, wenn man dem Stück folgt. Am eigenen wie am Elend der anderen. Und das Prinzip Hoffnung? In Dea Lohers Stück ist es abwesend. Selbst der alternden Philosophin Ella (wunderbar skurril von Sigrun Fischer gespielt), die anfangs noch über Lebenssinn und Menschsein nachdenkt, fällt schließlich nichts mehr als sinnfreies Blabla ein. Das Ende der Utopien?

Leichte Kost ist dieser Theaterabend nicht. Aber außerordentlich. Wer Denken als Vergnügen betrachtet, sich an fein gesponnenen Gedanken, an Sprache erfreuen kann, wird einen tollen Theaterabend erleben, der auch viel Wortwitz und groteske Situationen bietet. Unterhaltung auf höchstem Niveau und sehr zu empfehlen.“

Bildergalerie

Film

UNSCHULD – Schauspiel von Dea Loher

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