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WARTEN AUF STURM – Fragen an Peter Thiers

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ALLES KOMMT VOM BERGWERK HER – ein Gespräch mit Peter Thiers (PT), Preisträger des „Kleist-Förderpreises für junge Dramatikerinnen und Dramatiker“ 2019, und Dramaturg Oliver Hohlfeld (OH)

 

Am 28. September feiert die Uraufführung WARTEN AUF STRUM Premiere in der Kammerbühne.

OH: Wann ist dir der Begriff Bergwerk zum ersten Mal begegnet und in welchem Zusammenhang?

PT: Die Wendung „Alles kommt vom Bergwerk her“ kommt ursprünglich aus dem Erzgebirge, ist also regional geprägt, obwohl der Begriff Bergwerk für mich etwas ist, das Ost- und Westdeutschland immer schon verband. Die Zeche Zollverein in Essen, diese enormen Bauten, diese Metallkolosse, die alle stillliegen, die man durchwandern kann, das sind Gegenden, die eine Kraft ausstrahlen, die weit in die Vergangenheit reicht.

OH: Welche Texte sind vor „Warten auf Sturm“ entstanden – welche Themen und Genres fesseln dich?

PT: Für mich ist die Frage immer, ob das Thema einen zentralen Konflikt enthält. Es sind immer Impulse, Bücher, Filme, manchmal ist es ein Artikel in der Zeitung, der etwas auslöst, und man sucht dann natürlich eine Form, die dem Thema gerecht wird – schließlich ist nicht jedes Thema für die Bühne geeignet.

OH: Wie würdest du folgende drei Fragen beantworten: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? (bezogen auf uns als Gesellschaft oder auch auf dich selbst)

PT: Ich glaube, jeder Mensch entscheidet für sich, wer oder was er sein möchte und lebt sein Leben nach den Gesichtspunkten dieser Entscheidung. Woher wir kommen, dass es einer bestimmten Person von Geburt an besser geht als einer anderen, das ist ja ein absoluter Zufall, darüber darf man sich keine Illusionen machen. In einer Zeit, in der Dinge wie Wohlstand innerhalb einer Generation immer schwieriger erarbeitet werden können, hängt das, was individuell erreicht werden kann, auch zwangsläufig damit zusammen, welche Startbedingungen für Menschen innerhalb der Familie, besonders aber auch innerhalb einer Gesellschaft geschaffen werden. In einer solidarischen Gesellschaft müssen diese Startbedingungen dafür sorgen, dass alle Menschen einen sicheren, gemeinsamen Wohlstand teilen.

OH: Was hat dein Bild bzw. deinen Begriff von Arbeit entscheidend geprägt oder gab es da verschiedene Einflüsse?

PT: Der traditionelle Arbeitsbegriff, mit dem man aufwächst, ist ja stets familiär geprägt, egal in welchem Beruf einzelne Familienmitglieder arbeiten. In den letzten zehn Jahren habe ich konträr dazu natürlich viel über den Arbeitsbegriff des Theaters nachgedacht, einem Ort, in dem Arbeit und Selbstverwirklichung auf verschiedene Arten zusammengreifen. Das ist ja eine große kapitalistische Agenda unserer Zeit, die Selbstverwirklichung – nicht nur in der Kunst. Arbeit kann ein Ort der Bestätigung, der Würdigung, der Geselligkeit sein – oder aber in Abhängigkeit, Überbelastung und Depression führen, um nur einige Schwerpunkte zu nennen. Diese Widersprüchlichkeit hat in mir immer schon großes Interesse geweckt.

OH: Warum hast du Coltan als Erz gewählt, das im Bergwerk abgebaut wird?

PT: Coltan ist ein Metall, das größtenteils dazu verwendet wird, Elektronik wie Smartphones zu bauen – daher ist es für viele Firmen auf der Welt von hohem Wert. Die Regionen, in denen dieses Metall entdeckt wird, sind dadurch stets in der Gefahr, der Ausbeutung zum Opfer zu fallen. Daher nennt man es auch ein „Konfliktmineral“. Dass Coltan u.a. in Afrika abgebaut wird und nicht in Europa, nicht in Deutschland, ist purer Zufall – genau diese Ausbeutung ist jedoch oft die Bedingung für unseren Wohlstand. Das ist der Grundausgangspunkt für „Warten auf Sturm“ gewesen: die Idee, dass eine Ausbeutungsspirale unabhängig von Kontinent, Land oder Herkunft entstehen kann.

OH: Im Bergwerk wird die Geschichte vom Drachen im Innern des Berges erzählt. Was hat dich bewogen, dieses historische Bild zu übernehmen?

PT: Dieses Bild stammt aus den frühen Zeiten des Bergwerks, in denen die Gasgemische kaum wirklich erforscht waren. Die Bergleute konnten sich das Feuer nicht rational erklären, daher griffen sie auf Sagengestalten zurück. Das ist ja in den deutschen Mythen, speziell im Nibelungenlied, ein großes Thema: Wo ein Drache ist, da gibt es einen Hort. Große Gefahr birgt großen Reichtum. Das steht auch sinnbildlich für den Raubbau, den die Menschen an der Natur betreiben – je weiter man geht, desto mehr Unheil wartet am Ende.

OH: Ich finde solche Mythen immer sehr griffig und sehr spannend und außerdem sind sie nicht totzukriegen. Auch wenn man denkt, man kann heute alles in der Welt erklären, sie leben weiter und irgendwo haben sie natürlich eine Wurzel in uns, auch im kollektiven Bewusstsein.

PT: Absolut. Ich glaube, dass wir heute in einer Zeit leben, in der wir auf einfache Art und Weise so viel wissen können wie niemals zuvor. Kurioserweise entsteht in dieser Flut an Informationen auch eine Gegenbewegung, in der Mythen und Halbwahrheiten zurückkehren – plötzlich denken die Menschen wieder, die Erde wäre eine Scheibe, weil sie es auf Youtube gesehen haben. Vielleicht liegt in der menschlichen Psyche immer schon eine Gier nach der bewusst gestreuten Lüge. Das Theater entwickelt ja gerade daraus sein Sogpotenzial: Jeder Zuschauer weiß eigentlich, dass die Bühne ein Ort der reinen Fiktion ist – darin liegt aber auch eine große Faszination.

OH: Im Stück gibt es eine Tochter und sonst Bergleute, den Schmelzer, Winter, von der Werksleitung sowie dessen Sohn. Wo sind die Mütter geblieben?

PT: Der Aufbau hat sich aus dem Text „Versuch, die Jugend zu verderben“ des französischen Philosophen Alain Badiou ergeben. Darin geht es hauptsächlich darum, wie Männlichkeitsideale einer älteren Generation langsam aufweichen, die jüngere Generation es aber nicht schafft, ihr Leben abseits dieser Ideale zu konstruieren. Diese Traditionsmodelle – wie hat ein Vater zu sein, wie eine Mutter – haben ihren toxischen Charakter aber noch nicht verloren. „Warten auf Sturm“ ist ein Stück über das Scheitern von Vaterfiguren. Die Figur von Lara kämpft permanent gegen dieses Scheitern an. Das ist eine weitere Pointe von Badiou – er sieht insbesondere junge Frauen in einem klaren, gestärkten Verhältnis zur Tradition. Lara ist eine Frau, die sich von den alten Modellen abkoppelt und sowohl die männliche als auch die weibliche Tradition transzendiert.

OH: Gibt es eine Figur, die dir beim Schreiben besonders ans Herz gewachsen ist?

PT: Im Entstehungsprozess gab es Figuren, mit denen man den weitesten Weg gegangen ist, und eine der frühesten Figuren war Lara, die ich von Anfang an ins Zentrum gesetzt habe. Natürlich auch, weil sie mit dem Mythos der Rostgeburten zeitgleich entstanden ist.

OH: Würdest du eines deiner Stücke irgendwann auch mal selbst inszenieren wollen?

PT: Das kann ich mir absolut vorstellen. Mein Regiezugriff ist ein bisschen anders als mein Autorenzugriff, das sind zwei unterschiedliche Arten, Dinge zu betrachten. Ich denke beim Schreiben erstmal pur auf der Textebene. Ein Stück rein sprachlich zu denken, und sich erst nach der Fertigstellung mit der bildlichen Umsetzung zu beschäftigen, das ist etwas, das ich für eine große Chance halte. Man muss permanent in der Lage sein, sich selbst zu hinterfragen. Das kann unangenehm sein – jedoch häufig auch ein großer Gewinn.

OH: Ich danke dir für das Gespräch.

PT: Ich danke auch.

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