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SARAH NEMTSOV „en face“

Brandenburgisches Doppelkonzert 3 | Uraufführung | Auftragswerk des Staatstheaters Cottbus

 

Deutschland und Polen sind die Bezugspunkte der Komposition von Sarah Nemtsov. Der Schauspieler Jakob Diehl rezitiert den Text „Einsamkeit“ des polnischen Schriftstellers Bruno Schulz. Ein Ich-Erzähler spricht über seinen jahrelangen Aufenthalt in einem Zimmer, das er nicht verlassen kann. Spürbar werden die beklemmende Enge eines solchen Lebens, aufgeblättert die Folgen einer solchen erzwungenen permanenten Begegnung nur mit sich selbst: „Wie ich aussehe? Manchmal sehe ich mich im Spiegel. … Ich sehe mich niemals en face, von Angesicht zu Angesicht. Doch etwas tiefer, etwas weiter entfernt, dort stehe ich, im Inneren des Spiegels, etwas seitlich, etwas im Profil, ich stehe nachdenklich da und blicke zur Seite. Reglos stehe ich da und blicke zur Seite, ein wenig nach hinten, hinter mich. Unsere Blicke treffen sich nicht mehr. Wenn ich mich bewege, bewegt auch er sich, jedoch leicht abgewandt, als wüsste er nichts von mir …“, lautet eine zentrale Passage des Textes.

Die Komponistin entwarf ein musikalisches Hörtheater. Der Rezitator Jakob Diehl an einem Tisch, seine Stimme vertraut und fremd zugleich. Der Schlagzeuger Aleksander Wnuk als Spiegelbild des Sprechers, der wiederum den Schlagzeuger spiegelt. Das Schlagwerk bildet einen eigenen Raum mit Tür und Spiegel. Die Handlungsmöglichkeiten des Perkussionisten beschränken sich auf diesen Raum. Hier ist er geschützt und schutzlos zugleich. Er spielt nur mit seinen Händen, ohne Schlägel, nichts liegt zwischen ihm und den harten Oberflächen, die er schlagend, streichelnd, tastend berührt, in einer klingenden Choreografie.

 

Das Bild rechts zeigt eine Skizze von Sarah Nemtsov zum Schlagwerk in „en face“.

Nemtsov Skizze
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